Sonntag, 27. August 2017

Graham Swift: Ein Festtag

- ein wunderbares, kleines Buch.

Ein Gastbeitrag von Literaturhexle


Gebundene Ausgabe, 144 Seiten
dtv Verlagsgesellschaft, 15.Mai 2017


Inhalt
Die Erzählerin ist eine sehr alte Dame jenseits der 90. Sie erzählt im Wesentlichen von einem einzigen Tag ihres Lebens, der aber sehr einschneidend gewesen ist und in Folge ihrem Leben eine neue Richtung gegeben hat.
Es ist der Muttertag 1924, von dem sie erzählt, weshalb der Roman im Original auch "Mothering Sunday" heißt und ich mich über den deutschen Titel geärgert habe...


Die Erzählerin Jane ist 1924 eine Waise und Hausmädchen bei den Nivens, wo sie die Bücher des Hausherren lesen darf und über eine überdurchschnittliche Bildung verfügt.

"Aber es stimmte, sie war klug. Klug genug, um zu wissen, dass sie klüger war als er. Immer schon, besonders am Anfang, war sie ihm an Klugheit überlegen gewesen." (S.20)

Jane unterhält seit Jahren ein Verhältnis mit Paul Sheringham, der in Kürze standesgemäß Emma Hobday heiraten wird. Der Großteil des Romans handelt von letzten Stelldichein an jenem Muttertag. Zwischendrin berichtet die Erzählerin von anderen Erlebnissen in ihrem Leben: Sie wird Buchhändlerin, schließlich Schriftstellerin und ist verheiratet mit einem Philosophen.
Doch der Muttertag bewegt sie immer noch.

Bewertung
Die eigene, feine Sprache, hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Es ist die Art Buch, die ich liebe: Eindringlich, ruhig, aber spannend mit interessanten Charakteren. So dass man sich am Ende fragt: "Was wäre gewesen, wenn..." Es hallt nach!



Meine Bewertung

"Und du sollst doch zum Ball gehen!"

Das Zitat ist dem Roman vorangestellt und erinnert an das Märchen "Aschenputtel". Ganz so schlecht ergeht es Jane nicht, doch auch sie ist verliebt in einen Prinzen. Wie Literaturhexle angedeutet hat, ist der vorliegende Roman kein Märchen, im Leben heiratet das Dienstmädchen nicht den Adligen.

"Es war März 1924. Es war nicht Juni, aber es war ein Tag wie im Juni. Es musste kurz nach zwölf Uhr mittags sein. Ein Fenster stand offen, und er ging unbekleidet durch das sonnendurchströmte Zimmer, sorglos, nackt; er wirkte wie ein Tier. Es war ja sein Zimmer. Da konnte er tun und lassen, was er wollte. Das konnte er. Und sie war noch nie hier gewesen, würde auch nie wieder herkommen. Auch sie war nackt." (S.11)

Trotzdem beeinflusst er - wie die Bücher, die Niven ihr zu lesen erlaubt - ihre Sprache, ihr Vokabular und gibt ihrem Leben eine neue Richtung: vom Dienstmädchen zur Buchhändlerin zur Schriftstellerin.

"Man nannte es >Regenerierung<, dachte sie, ein Wort, das gewöhnlich nicht im Vokabular eines Dienstmädchens vorkam. Inzwischen kannte sie viele Wörter, die nicht in das Vokabular eines Dienstmädchens passten. Auch das Wort Vokabular. Sie sammelte sie, wie die Vögel draußen, die für den Nestbau sammelten." (S.40)

Die Affäre hat ihr Leben bereichert und sie bereut nichts:
"Wir sind alle Brennstoff. Wir werden geboren, und wir brennen, manche schneller als andere. Und es gibt unterschiedliche Zündstoffe. Aber nicht zu brennen, nie zu entflammen, das wäre wahrhaftig ein trauriges Leben." (S.112)

Der Roman ist aber auch Buch über Bücher, nicht nur, dass Jane einige der Romane erwähnt, die sie geprägt haben, sie reflektiert auch über das Erfinden von Geschichten:

"Alles Fiktion! Aber etwas, das eindeutig und vollständig Fiktion war, konnte - und das war der Dreh- und Angelpunkt und das ganze Geheimnis - auch Wahrheit enthalten." (S.134)

Ein schöner Satz - ein lesenswerter Roman!

Freitag, 25. August 2017

Anna Kim: Fingerpflanzen

Erzählungen mit und nach Bildern von Kristian Evju

Paperback, 128 Seiten
Topalian & Milani Verlag, 2017

Im vorliegenden Erzählband treten die Schriftstellerin Anna Kim und der Künstler Kristian Evju in einen Dialog.
Kim ließ sich von Bildern zu Geschichten inspirieren, adaptierte Ideen auf die Bilder hin und umgekehrt schuf Evju Bilder für die Erzählungen. So finden sich neben den 6 Erzählungen auch zahlreiche Schwarz-Weiß-Bilder in der bibliophilen Ausgabe.

Die Erzählungen
Einige der Erzählungen erinnern mich an die Franz Kafkas. Wie es im Nachwort heißt, hat die Autorin "Freude an surrealer Wirklichkeitsausdehnung" (S.123). Dadurch erschließen sich die Geschichten nicht sofort, fordern zu intensiver Auseinandersetzung heraus.

In "Nasenhörner" erhält Herr Schmidt einen Brief von seiner Ehefrau, mit der er seit 3 Jahren verheiratet ist. Die Ehe wird aber nicht gelebt - trotz einer standesamtlichen Trauung.
Erst nach einem Jahr fällt Irina Kranz, der Ehefrau auf, dass ihr Mann abwesend ist, da sie alleine den Kühlschrank füllt. Aufgrund eines Geruchs geht sie von der Annahme aus, dass ihr Mann, der offenkundig nichts von der Ehe weiß, sie betrogen hat und sie nimmt sich das Recht heraus sich scheiden zu lassen. Eine überaus skurrile Situation.
Eine Allegorie auf das Leben nebeneinander ohne Liebe und Zuneigung? Ein Bild für die Kälte zwischen einem Paar? Darauf, was ein unbedachtes Wort auslösen kann? Viele Fragen, als Leser*innen dürfen wir uns die Antworten geben. Das Titelbild gehört zu der Geschichte und zeigt eine selbstbewusste Frau vor einer Schreibmaschine...

In der zweiten Erzählung "Die unerwünschte Liebe in der Montrose Street" scheint die Handlung realitätsnaher zu sein. Ein Lyriker trifft seinen immer schlecht gelaunten Lektor, der endlich auch von der Liebe befallen wird und darüber seine Arbeit vernachlässigt. Wer die junge Dame ist, bleibt vorläufig im Dunkeln. Doch die Handlung nimmt eine unerwartete Wendung und führt dem Lyriker vor Augen, dass man das Offensichtliche nicht sehen will und dass eine Liebe, für die man nicht bereit ist, Veränderungen einzugehen, verloren geht.

Meine Lieblingsgeschichten sind der "Ball der Gewichtheber" und "Die Zeitbraut", die beide mit einer überraschenden Wende aufwarten.

Im "Ball der Gewichtheber" wird ein Mann von seiner Freundin verlassen und zieht sich völlig seine neue Wohnung zurück. Wie ein Einsiedler verkriecht er sich und lauscht den Schritten vor seiner Tür, wandert nachts durch die leeren Straßen.

"Diese Leere erfreute mich, sie spiegelte die Leere wider, die ich schon seit Jahren fühlte; endlich hatte ich die Landschaft gefunden, die meiner Seele entsprach." (S.45f.)

Die überraschende Einladung zu dem "Ball der Gewichtheber" reißt ihn aus der Lethargie und Fokussierung auf die Schritte, die er vor seiner Wohnung hört.

"Die Zeitbraut" ist auf einem Bild in einem Fotoladen zu sehen. Der Inhaber erzählt, sie habe Männer vorm Altar stehen lassen, was zuvor verabredet wurde, damit andere Frauen diese Männer aus Mitleid heiraten. Eine interessante Geschäftsidee - sie selbst sei verlassen worden, am Tag ihrer Hochzeit, an dem das Foto entstanden ist. Eine traurige Geschichte, die am Ende eine unerwartete Wendung erfährt.

Die letzten beiden Erzählungen "Die Zähne" und "Fingerpflanzen" sind wieder sehr skurril. In "Die Zähne" verwandelt sich ein Mann in ein Nagetier und zieht sich aus der Gesellschaft zurück...ehrlich gesagt habe ich dazu keinen Zugang gefunden.

Anders bei den "Fingerpflanzen", in der ein Mann auf andere Lebewesen, wenn er sie mit dem Finger berührt, Arme pflanzen kann, die gleichsam mit ihm verbunden bleiben. Überall finden sich seine Spione, er selbst hat acht Arme. Eine Allegorie auf einen totalen Überwachungsstaat? Auf ein übersteigertes Kontrollbedürfnis? Auf übergriffiges Verhalten? Deutungsmöglichkeiten, die den Leser*innen Raum für Spekulationen lassen.

Anna Kim bietet keine leicht verdauliche Unterhaltung. Ihre Beobachtungsgabe ist bemerkenswert, ihre Sprache fantasievoll, klar und ansprechend.

Eine Herausforderung, zu der mich die Autorin eingeladen hat.
Vielen Dank an den Topalian & Milani Verlag für dieses Leseexemplar.





Dienstag, 22. August 2017

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

- in der Todeszone des Reaktors Tschernobyl.

Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
Kiepenheuer&Witsch, 17. August 2015

Inhalt
Baba Dunja ist eine alte Frau, die beschlossen hat, in ihr Heimatdorf Tschernowo zurückzukehren. Ein Ort, der aufgrund der Strahlenbelastung in der sogenannten Todeszone liegt. Als medizinische Hilfsschwester hat sie es nach dem Super-Gau in Tschernobyl als eine der Letzten verlassen.
Die nächste Stadt Malyschi ist weit weg und nur mit dem Bus zu erreichen - fast zwei Stunden braucht Baba Dunja inzwischen für den Weg zur Bushaltestelle.

Nach Baba Dunja sind weitere Alte zurückgekehrt oder haben sich im verlassenen, einsamen Dorf niedergelassen, wie die Melkerin Marja, deren Hahn Konstantin zu Beginn der Handlung stirbt.

"Das ist die Wahrheit. Marja hat immer mit ihm geredet. Das lässt mich befürchten, dass ich ab jetzt weniger Ruhe haben werde Außer mir braucht jeder Mensch jemanden zum Reden, und Marja ganz besonders. Ich bin ihre nächste Nachbarin, nur der Zaun trennt unsere Grundstücke." (S.8)

Lauter Einzelgänger leben in Tschernowo ihr Leben, wie der fast 100-jährige Sidorow oder der krebskranke Petrov und die Gavrilovs, die ganz für sich bleiben - und natürlich die Spinnen, die seltsame Netze weben und das Interesse von Wissenschaftlern wecken. Auch die Geister finden ihren Weg zurück in die Heimat - wie Jegor, Baba Dunjas alkoholsüchtiger Mann und der Hahn Konstantin, der auf dem Zaun thront - mit ihnen redet sie.

Baba Dunjas Kinder haben die Ukraine verlassen, ihre Tochter Irina ist Ärztin bei der Bundeswehr, ihr Sohn lebt in Amerika. Sie schreiben sich Briefe, jeder Brief ist ein Fest für Baba Dunja, doch das Wichtige bleibt ausgespart.

"Es gab eine Sache, über die wir nicht gesprochen haben. Wenn Dinge besonders wichtig sind, dann redet man nicht über sie. Irina hat eine Tochter, und ich habe eine Enkelin, die einen sehr schönen Namen trägt: Laura." (S.17)

Laura, inzwischen 17 Jahre, schreibt Baba Dunja sogar einen Brief zurück, allerdings in einer Sprache, die sie nicht lesen kann und so bleibt der Brief unverständlich - um Hilfe bittet sie nicht.

Statt dessen pflegt sie ihren Garten, Einkaufen kann man nur in der Stadt, Wasser gibt es im Brunnen und Elektrizität ist sogar vorhanden. Ein Ort, an dem die Zeit still zu stehen scheint und die radioaktive Strahlung unsichtbar bleibt.

Doch die Ruhe und vermeintliche Idylle wird von einem Vater gestört, der seine Tochter in die Todeszone bringt, um seine Frau zu erpressen. Welcher Vater ist dazu in der Lage? Baba Dunja muss einschreiten und dann ereignet sich ein Unglück, das alle Dorfbewohner zum Handeln zwingt.

Bewertung
Es ist ein stiller Roman über eine alte Frau, die ihre Heimat so sehr liebt, dass sie sich freiwillig der Strahlung aussetzt und auf einen Kontakt mit ihren Kindern und Enkeln verzichtet. Aus ihren Kindern soll etwas werden, das ist ihr wichtiger, als in ihrer Nähe zu sein. Trotzdem wirkt die Protagonistin sympathisch, "hemdsärmlig" und nach dem Unglück beweist sie großen Mut.
So einfach wie Baba Dunja daher kommt, scheint auch die Sprache Bronskys zu sein, die in klaren Sätzen das Leben im Dorf skizziert und die eigentümliche Stimmung einfangen kann.

Lesenswert!


Dienstag, 15. August 2017

Ian McEwan: Der Zementgarten

Gestörte Jugend


Taschenbuchausgabe, 208 Seiten
Diogenes, 2. Januar 1999


Die Originalausgabe erschien bereits 1978, "The Cement Garden" ist McEwans erster veröffentlichter Roman.

In der Leserunde auf whatchareadin gab zu "Der Zementgarten" einigen Diskussionsstoff. Wer die Beiträge verfolgen will, klickt hier.

Freundlicherweise wurde mir das Buch vom Diogenes Verlag als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.



Inhalt
Die Handlung wird aus der Ich-Perspektive des fast 14-jährigen Jack erzählt.

"Ich habe meinen Vater nicht umgebracht, aber manchmal kam es mir vor, als hätte ich ihm nachgeholfen. Und bis auf die Tatsache, daß sein Tod zeitlich mit einem Meilenstein in meiner eigenen körperlichen Entwicklung zusammenfiel, schien er unbedeutend, verglichen mit dem, was dann kam." (S.5)

Niemand aus der Familie scheint dem Vater, der beim Zementieren gestorben ist, wirklich nachzutrauern. Jack sagt über ihn, er sei ein "schwächlicher, jähzorniger, verbohrter Mann" (S.5), vor dem die Kinder - Julie, (16 Jahre), Sue, die jüngere Schwester und der 6-jährige Tom Angst haben, und der mit seinem jüngsten Sohn um die Gunst der Mutter konkurriert. Die Familie scheint völlig isoliert, Verwandte gibt es keine mehr und Freund*innen dürfen nicht ins Haus gebracht werden. In der Umgebung stehen vorwiegend abrissreife Häuser - Tristesse.
Seit der Vater Halbinvalide ist, kann er sich nicht mehr um seinen Steingarten kümmern, der nur wenige Blumen enthält, und diese müssen strikt angeordnet sein - keine Platz zum Spielen, kein Ort, um kindliche Kreativität auszuleben. Also soll der Garten einzementiert werden, die fantasieloseste Lösung. Während der Arbeit, bei der ihm Jack hilft, erleidet der Vater einen Herzinfarkt und fällt mit dem Kopf in den frischen Zement - er ist tot.

"Als der Krankenwagen fort war, ging ich nach draußen, um unseren Pfad anzuschauen. Ich hatte keinen Gedanken im Kopf, als ich das Brett aufhob und Vaters Abdruck in dem weichen, frischen Zement sorgfältig wegglättete." (S.22)

Trauer empfindet Jack keine, im Gegenteil, der Vater wird aus den Gedanken ausradiert. Seine Aufmerksamkeit gilt seiner älteren Schwester, die seine sexuelle Fantasie beflügelt und die er sich beim Onanieren vorstellt. Eine Tätigkeit, auf die ihn die Mutter in einem peinlichen Gespräch anspricht und ihm unterbreitet, er schade seiner Gesundheit.

"Jedesmal...wenn du das tust, brauchst du zwei Liter Blut, um es wieder zu ersetzen." (S.38)

Darüber hinaus nimmt Jack seine ruhige, stille Mutter, die in ihrer Schwäche dem Vater nichts entgegensetzen konnte, kaum wahr.
Einige Zeit nach dem Tod des Vaters wird die Mutter krank, bis sie schließlich stirbt. Vorher instruiert sie Jack, er solle gemeinsam mit Julie die Familie zusammenhalten, Verantwortung übernehmen.
Was in der Konsequenz bedeutet, dass die Kinder, den Tod der Mutter in der Öffentlichkeit geheim halten müssen - sie zementieren sie im Keller ein.
Es gibt wenige berührende Szenen im Roman. Die Situation, wenn die Kinder die Mutter in ein Laken hüllen, um ihre Leiche zu "begraben" ist eine davon:

"Als wir sie auf das Laken niederlegten, sah sie so gebrechlich und traurig aus in ihrem Nachthemd, vor unseren Füßen liegend wie ein Vogel mit einem gebrochenen Flügel, daß ich zum erstenmal über sie weinte und nicht über mich." (S.92)

Es gelingt den Kindern über die Ferien ihr Geheimnis zu bewahren, auch als Julies Freund Derek auftaucht, der mehr an dem Haus, als an Julie interessiert scheint und willens ist, die Rolle des "Familienoberhaupts" zu übernehmen. Eine Rolle, die Jack nicht aus der Hand geben will und der sich mit Julie fast in eine Art Mutter-Vater-Situation gebracht hat. Sue hält sich weitgehend aus allem heraus und schreibt ihre Gedanken nieder, ihrer Tagebuchaufzeichnung ist es zu verdanken, dass die Leser*innen auch einen Außenblick auf Jack erhaschen, der seine Hygiene seit dem Tod der Mutter eingestellt hat - bis ein fauliger Geruch aus dem Keller steigt....

Bewertung
Ian McEwan sagt in einem Interview über "Der Zementgarten", dass er die Abgründe der Jugend sezieren wollte. Das ist ihm hervorragend gelungen.
In der Familie herrschen verstörende Beziehungen und Verhaltensweisen. Die Doktorspiele zwischen Julie, Sue und Jack sind ebenso befremdend wie Julies und Sues Versuche aus Tom eine kleines Mädchen zu machen. Da die Familie so abgeschottet ist, der Vater dominant und kaltherzig, die Mutter schwach, scheinen die Kinder Liebe und Zuneigung nur untereinander zu finden. Andererseits geht es oft um Macht und wer als Gewinner aus der Konfrontation hervorgeht.
Tom, als das schwächste Familienmitglied wird Opfer des Machtmissbrauchs. Indem er wieder in infantile Verhaltensmuster verfällt, erhält er zwar Aufmerksamkeit, andererseits wird früh ins Bett geschickt, muss tun, was Julie und Jack sagen.
Die vermeintliche Freiheit der Kinder entpuppt sich als Trugschluss. Jack äußert gegenüber Julie, es sei ihm, als ob er schlafe (S.199). Und genau so liest es sich, wie ein zähflüssiger Alptraum und man wünscht sich, dass diesem Traum von außen ein Ende gemacht wird. Denn wirklich glücklich ist keiner der Kinder. Jack onaniert, um die Gegenwart zu vergessen, Tom flüchtet sich in sein Kleinkindverhalten, Sue in ihre Gedankenwelt und Julie in eine vermeintliche Liebesgeschichte.
Beziehungen sezieren, das wolle er, sagt Ian McEwan ebenfalls in dem Interview. "Der Zementgarten" ist dieser Hinsicht messerscharf.

Montag, 14. August 2017

Imbolo Mbue: Das geträumte Land

- nur ein Alptraum?

Hörbuch von Audible
gelesen von Nils Nelleßen
12 Stunden und 27 Minuten

Diesen Roman habe ich gemeinsam mit "Literaturhexle" gehört, die genau wie ich im Forum whatchareadin aktiv ist.

Von ihr stammt er erste Teil des Blogbeitrags:

Inhalt 

Jende und Neni Jonga stammen aus Kamerun und haben in Amerika einen Asyl Antrag gestellt, um dauerhaft dort leben zu können. Der Titel trifft es sehr genau: Das Ehepaar hat ein völlig unrealistisches Bild von Amerika, dem Land ihrer Träume und der unbegrenzten Möglichkeiten.

Die Geschichte ist eingebettet in die beginnende Finanzkrise Amerikas: Jende bekommt einen Job als Chauffeur bei Mr Clark und seiner Familie. Clark repräsentiert zunächst ein Abbild des Amerikaners, der es "geschafft" hat: Er ist Manager bei Lehman Brothers (man ahnt, was kommen wird...), ständig unter Strom, in Eile und mit wenig Zeit für die Familie. Diese Familie mit zwei Söhnen lernen wir besser kennen und es tun sich tiefe Risse in der amerikanischen Idylle auf...

Schließlich verliert Jende seinen Job, er und seine Frau kämpfen um die Existenz, mit der Einwandererbehörde, schließlich auch miteinander...

Literaturhexles Bewertung
Ich gestehe, dass ich das Buch so etwa bis 2/3 als relativ vorhersehbar empfunden habe. Nicht schlecht, weil man beide SEITEN der Medaille kennenlernt und sich sehr gut in die Lage der Asylanten hineinversetzen kann. Danach entwickelten sich die Dinge aber nochmal interessant und anders, als ich erwartete!
Der Vorleser hat mich dieses Mal nicht umgehauen, er las ziemlich "dröge".

Meine Bewertung
Der Beginn des Romans suggeriert zunächst, dass der amerikanische Traum ein weiteres Mal Realität werden wird - ein guter Job als Chauffeur, der Jendes Frau Neni die Möglichkeit eröffnet, weiter am College zu studieren und gegebenenfalls ihren Traum - Apothekerin werden zu wollen, leben zu können. Ein Traum, der realistisch betrachtet, wenig Aussichten auf Erfolg hat, wie ihr der Dekan ihres Colleges sehr gewissenhaft auseinander setzt. Amerika ist das "geträumte Land".
Der Roman führt deutlich vor Augen, was es heißt als Asylbewerber in einem schwebenden Verfahren in einem fremden Land zu bestehen. Die Ängste, die permanenten finanziellen Nöten, die Ansprüche aus der Heimat, Geld zu schicken, und immer noch die Unterschiede zwischen "Schwarz" und "Weiß".
Gleichzeitig sind mir die kulturellen Unterschiede zwischen Jendes Ansichten zur Rolle des Mannes in der Familie und meiner eigenen aufgefallen. Für Jende und auch Neni steht außer Frage, dass er das Sagen hat, bestimmt, welchen Weg die Familie geht. Neni muss sich seinem Willen beugen, so bestimmt er, dass sie mit dem Neugeborenen zuhause bleibt und ein Urlaubssemester macht.
Trotzdem wirkt er nicht unsympatisch, er ist seinem Arbeitgeber loyal gegenüber, verlässlich und gewissenhaft. Das Hörbuch zeichnet ein sehr differenziertes Bild der beiden Familien - der Clarks und der Jongas und verurteilt nicht...
Die Wende sorgt für die nötige Spannung und wirft viele Diskussionspunkte auf, so dass ich/wir das Hörbuch weiter empfehlen können.


Samstag, 12. August 2017

Milena Busquets: Auch das wird vergehen

- das Ende der Kindheit.

Taschenbuch, 169 Seiten
Suhrkamp, 13.Juni 2017

Mein Dank geht an den Suhrkamp Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Hier geht es zur Buchseite des Verlags, die ein interessantes Interview mit der Autorin enthält, in dem sie davon spricht, dassder Roman autobiographische Züge hat.

Inhalt

"Aus einem mir nicht ersichtlichen Grund habe ich nie gedacht, ich würde mal vierzig sein. (...) Aber da bin ich jetzt. Auf der Beerdigung meiner Muter und noch dazu vierzig." (S.9)

Nach langer Krankheit ist Blancas Mutter gestorben, ohne dass sie in den letzten Stunden an ihrem Krankenhausbett gewesen ist - sie hatte sich schlafen gelegt und kann sich das nicht verzeihen.
Aus ihrer Ich-Perspektive erfahren wir, dass sie sehr unglücklich über den Tod ihrer Mutter ist, an die sie oft ihre Gedanken richtet.

Obwohl sie so traurig ist, fällt ihr auf der Beerdigung ein Unbekannter auf.

"Ich bin drauf und dran, vor Entsetzen und Hitze ohnmächtig zu werden, aber weiterhin fähig, einen attraktiven Mann sofort zu erkennen. Vermutlich der schiere Überlebensinstinkt." (S.13)

Dieser Umstand weist auf die beiden Hauptmotive des Romans hin. Die tiefe Trauer um ihre Mutter, ihr Gefühl von Verlorenheit, vom Verlust der Kindheit, jetzt da ihre Mutter nicht mehr für sie da ist. Ihr Vater ist bereits gestorben, da war sie erst siebzehn.

"Seither reihen sich die Toten, und das letzte Glied dieser tonnenschweren Kette werde dann wohl ich sein." (S.42)

Um der Trauer zu begegnen, um sich lebendig zu fühlen, schläft sie mit ihrem Ex-Mann, Tage später mit ihrem Geliebten.

"Soviel ich weiß, ist das Einzige, was einem keinen Kater verursacht und was für Augenblicke den Tod- wie auch das Leben - verschwinden lässt, Sex. Seine Sprengkraft pulverisiert alles. Aber nur für Momente..." (S.15)

Auf diese frivole Seite Blankas, die sich leidenschaftlich hingibt, sollte man sich einlassen - mag es auch seltsam anmuten, der Trauer mit Sex zu begegnen.

Blanca beschließt in das Dorf Cadaqués zu reisen, gemeinsam mit ihren Exmännern Guillem und Óscar sowie mit ihren beiden Söhnen Edgar und Nico, in jenes Haus, in dem sie so viele Sommer mit ihrer Mutter verbracht hat. Ein Ort, an dem die Erinnerung allgegenwärtig ist.

Auch ihre beiden Freundinnen begleiten sie dorthin.

"Elisa schafft es, aus allem, selbst aus dem Sex mit einem neuen Freund, etwas Kopflastiges und Durchdachtes zu machen. Sofía dagegen macht aus allem etwas fröhlich Frivoles, das ausgelassen um sie herumgaukelt. Jeder besitzt doch ein Leitmotiv, einen roten Faden, einen Refrain, einen eigenen Duft, der ihn einhüllt, eine Hintergrundmusik, die ihn immer begleitet, unveränderlich, manchmal gedämpft, aber beständig und unausweichlich." (S.45)

Blancas Leitmotiv ist es genussvoll zu leben, fast scheint es, als habe sie keine Verantwortung zu tragen - trotz der Kinder. Sie kocht nicht, kümmert sich nicht um das Haus - es ist Elisa, die diese Aufgaben übernimmt - und auch ansonsten scheint wenig in ihrem Leben geregelt zu sein. Sie wirkt auf mich wie ein Kind, das trauert und erkennt, dass es jetzt auf eigenen Füßen stehen muss.

"Ich bin ein Erwachsenen-Fake, alle meine Bemühungen, den Pausenhof zu verlassen, sind krachend gescheitert, ich empfinde genau das, was ich mit sechs Jahren empfunden habe... (S.47)

Um der Trauer zu entfliehen, trinkt sie, raucht Joints Óscar und gibt sich ihrer Leidenschaft hin und kann doch ihrer Verlorenheit nicht entkommen.


Bewertung
Der Roman ist zusammengesetzt aus Reflexionen Blancas und aus ihren fiktiven Gesprächen mit der Mutter, die traurig wirken, berühren und deutlich machen, wie verletzlich sie ist, wie sehr sie ihre Mutter geliebt hat und dass sie immer auf der Suche nach dieser Liebe ist:

"Und obwohl er mir nicht eigentlich gefällt, fange ich an, mit ihm zu flirten. Und spüre, wie der Honig zu schmelzen beginnt, flüssig und sonnengelb wird, als wären wir zwei Kinder, die gleich nach der Tüte mit den Süßigkeiten greifen und aus dem Laden rennen, völlig außer sich vor Lachen und Schiss. Es ist nicht der dicke und zähle und dunkle Honig, für den wir bereit wären, in die Hölle zu kommen, aber Honig ist es allemal, das Gegengift gegen den Tod. Seit deinem Tod, und auch schon früher, kommt es mir vor, als täte ich nichts anderes, als mir Liebe zu stibitzen, noch die kleines Krümel vom Weg aufzulesen, als wären es Goldklümpchen." (S.60)

Gleichzeitig ist sie eine freiheitsliebende Frau, die entgegen der Konventionen ihrer Leidenschaft nachgibt und mit dieser frivolen Art die ein oder andere Leserin abschrecken könnte.
Doch aus ihrer Perspektive ist die Suche nach einem Mann, der Versuch, die Liebe zu ihrer Mutter wiederzufinden.
Ihre Handlungen sind davon geleitet, über den Tod ihrer Mutter hinwegzukommen und die Trauer zu ertragen: "Auch das wird vergehen".

Ein ungewöhnlicher Roman, der mich durch seine außergewöhnliche Sprache beeindruckt hat.





Dienstag, 8. August 2017

Marion Bischoff: Heidelbeerkind

- ein historischer Liebesroman.

Taschenbuchausgabe, 268 Seiten
Rhein-Mosel-Verlag, 20. März 2017


Der Roman wurde von der Autorin zur Verfügung gestellt, vielen Dank an den Rhein-Mosel-Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zugeschickt hat.

Inhalt
Der Liebesroman spielt in Clausen, im Pfälzer Wald, unweit von Pirmasens. Im August 1944 entdeckt die junge Elise, deren Vater und Verlobter beide im Krieg ums Leben gekommen sind und die mit ihrer Mutter, ihrem Großvater und kleinen Bruder Hans zusammen auf einem kleinen Hof lebt, in einem Heidelbeergebüsch einen verletzten Deserteur. Sie hilft ihm in die Waldhütte ihres Vaters und versorgt seine Wunde. In den folgenden Nächten schleicht sie sich heimlich aus dem Haus, um dem sympathischen und schwer verwundeten Julius zu helfen.
Ihr Freund Ferdinand, der wegen einer Beinverletzung nicht im Krieg ist, dient sich dagegen dem Hitler Regime an und arbeitet für den Ortsgruppenleiter Müller. Elise hat kein Verständnis dafür, hat ihr der Krieg doch ihren Vater und Verlobten genommen. Der Gedanke den Deserteur zu verraten, kommt ihr nicht, obwohl sie sich der Gefahr, der sie sich aussetzt, durchaus bewusst ist. Nur ihren Großvater weiht sie ein, da die Julius Wunde zu eitern beginnt und er Gefahr läuft am Fieber zu sterben.
Während der Pflege verliebt sich Elise in den gut aussehenden Deserteur, kann jedoch niemandem davon erzählen. Kann sie ihrer besten Freundin Greta vertrauen, die sich grämt, da sie in Ferdinand verliebt ist? Der seinerseits tut alles, um Elise für sich zu gewinnen. Während die Mutter Elise dazu drängt, eine Ehe mit Ferdinand einzugehen, da er als Nazi immer an Sonderrationen herankommt und das Überleben im Krieg auf dem Spiel steht, will Elise auf ihr Herz hören.
Kann sie ihre Familie im Stich lassen? Wem kann sie vertrauen? Und dann wird das Dorf auch noch bombardiert...

Bewertung
Marion Bischoff hat für ihren Roman mit vielen Zeitzeugen gesprochen und das spiegelt dieser auch wider. Sowohl die Bombardierung Clausens als auch die Situation Elises, der Hunger, die Verzweiflung, nicht mehr genug zum Leben zu haben, lässt die Leser*innen mit der sympathischen Protagonistin mitfühlen, die in manchen Situation allzu naiv agiert. Trotzdem sind ihre Handlungen und ihr Verhalten glaubwürdig. Besonders gut hat mir gefallen, dass fast keine der Figuren schwarz/weiß gezeichnet ist. Selbst Ferdinands Verhalten, das nicht immer uneigennützig ist, bleibt verständlich. Nur Gretas Verhalten und Elises Vertrauen gegenüber ihrer Freundin konnte ich nicht nachvollziehen - diese Beziehung bleibt rätselhaft.
Während der Mittelteil mit der nächtlichen Pflege, die sich täglich wiederholt, Längen hat, ist der Schluss temporeich und sehr realitätsnah.
Weiterer Kritikpunkt ist der sentimentale Sprachstil, der mich an Romane wie "Die Nachtigall" und "Honigtot" erinnert und der Situation, in der sich die Protagonisten befinden, nicht immer gerecht wird.

+++Spoiler+++
Die Behandlung Elises durch die Dorfbewohner, als das "Ergebnis" der unehelichen Liebe sichtbar wird, ist schockierend, aber realistisch dargestellt. Auch ihre Mutter hat so reagiert, wie man es in dieser Zeit erwarten würde. Unglaublich eigentlich, obwohl sie am Ende ein Einsehen hat.
Sehr positiv habe ich empfunden, dass die Autorin auf ein offensichtliches Happy End verzichtet hat, was in diesem Fall nicht authentisch gewesen wäre. Ein mögliches ist denkbar und bleibt der Fantasie der Leser*innen überlassen.

Sonntag, 6. August 2017

Paul Auster: 4321

"Identisch, aber verschieden": 4 Variationen eines Lebens.

Lesen mit Mira

Gebundene Ausgabe, 1264 Seiten
Rowohlt, 31.Januar

Lese-Erfahrung
Mira und ich haben uns diesen sehr umfangreichen Roman für den Urlaub vorgenommen. Während der langen Lesezeit haben wir unzählige Sprachnachrichten ausgetauscht und über den Roman diskutiert.

Deshalb wird dieser Blogbeitrag auch keine Rezension im üblichen Sinne, sondern gibt meine bzw. unsere Lese-Erfahrung wieder.

Im Klappentext steht, "4321 - das sind vier Variationen eins Lebens", dem Leben von Archie Ferguson.
Mein erster Gedanke war, dass diese vier Variationen hintereinander präsentiert würden.

Kapitel 1.0 bietet die Basis dieses Lebens, die Geschichte von Archies Großvater wird erzählt, einem jüdischen Russen aus Minsk, der am 1.Januar 1900 in Ellis Island, New York eintrifft. Wir erfahren, wie er zu seinem Namen kommt, wie er seine Frau Fanny kennen lernt, dass sie gemeinsam drei Kinder haben und wie ihr jüngster Sohn Stanley sich in Fergusons Mutter Rose verliebt und am 3.März 1947 erblickt Archie Ferguson das Licht der Welt.

In Kapitel 1.1 wird die frühe Kindheit aus Archies kindlicher Perspektive erzählt, der mit seinen Eltern aus der Wohnung in Newark nach Montclair, Bundesstaat New Jersey gezogen ist. Er wünscht sich ein Geschwisterchen, doch da dies laut Aussage seiner Mutter, die er über alles liebt, nicht möglich ist, stellt er sich einen älteren Bruder vor.

"Ferguson war noch keine fünf Jahre alt, hatte aber schon begriffen, dass die Welt in zwei Reiche aufgeteilt war, ein sichtbares und ein unsichtbares, und dass die Dinge, die er nicht sehen konnte, oft wirklicher waren als die, die er sehen konnte." (S.60)

Als er 6 Jahre alt ist, eröffnet seine Mutter ein Fotoatelier - Roseland Fotos, in dem sie Porträts anfertigt, auch eines von Archie, das im Schaufenster ausgestellt wird.
Das Ereignis, das sein weiteres Leben prägt, ist ein besonderes Baseballspiel im Jahre 1954, das erste Spiel der World Series.

"Seit jenem Nachmittag Ende September 1954, jenem unvergesslichen Nachmittag, an dem er mit Cassie am Fernseher den Sieg von Mays und Rhodes über die Indians verfolgt hatte, war Baseball seine größte Leidenschaft (...)" (S.174)

Auch Archies Onkel Lew profitiert von der Serie, denn der Wettsüchtige setzt auf den unerwarteten Sieg der Giants und wird reich. Im gleichen Jahr wird das Geschäft "Three Brothers Home World", das die drei Brüder - Lew, Arnold und Stanley Ferguson - führen, ausgeraubt. Ein harter Schlag für Archies Vater.

Im Kapitel 1.2 ist Archie fünf Jahre alt - ein Rückblick?
Er ist von einer Eiche gefallen und muss den Sommer mit einem Gipsbein zuhause im Bett verbringen. Seine Großmutter Emma lernt ihn das Lesen und Schreiben, bevor er nach dem Sommer eingeschult wird.
Da er viel Zeit zum Nachdenken hat, spekuliert der junge Archie über seinen Unfall:

 "(...) wäre der Ast nur winziges Stück näher dran gewesen, könnte von Dummheit gar keine Rede sein. Hätte Chuckie nicht an diesem Morgen geklingelt und ihn gefragt, ob er draußen mit ihm spielen wolle, wäre davon Dummheit keine Rede. Wären seine Eltern auf der Suche nach dem richtigen Haus in irgendeine andere Stadt gezogen, würde er Chuckie Brower nicht kennen (...) " (S.86)

- und der Unfall wäre nicht geschehen. Was wäre wenn?
Am Ende des Kapitels brennt Three Brothers Home World ab.

In darauffolgenden Kapitel 1.3. bin ich durcheinander geraten, denn plötzlich passten die Tatsachen nicht mehr zusammen und nach einigem Hin-und Herblättern und Nachrichtenaustausch mit Mira, haben wir erkannt, dass jedes Kapitel bereits eine unterschiedliche Variante von Archies Leben erzählt.
So wohnt er in 1.2. in West Orange, während er in 1.3. Milburn und in 1.4 in Maplewood, später in South Orange lebt.

"Vor dreieinhalb Jahren, als sie und sein Vater beschlossen hätten, aus der Wohnung in Newark auszuziehen und ein Haus zu kaufen, hätten sie sich mehrere Städte angesehen, Montclair und Maplewood, Milburn und South Orange, aber nirgends das richtige Haus gefunden (...)." (S.81, 1.2)

4 Varianten - 4 Wohnorte
Danach habe ich mir genau wie Mira einen Stammbaum gemacht und mir die Ereignisse der frühen Kindheit, die das weitere Leben Archies jeweils (!) prägen, notiert.



So erleben wir, wie verschiedene Archies in parallelen Welten aufwachsen oder wie Archie es in ausdrückt, er habe

"das beständige Gefühl, dass die Gabelungen und Parallelen der eingeschlagenen und der nicht eingeschlagenen Wege allesamt zur selben Zeit von denselben Menschen begangen wurden, den sichtbaren und den Schattenmenschen, dass die Welt, wie sie war, allenfalls ein Bruchteil der Welt sein konnte, da das Wirklich auch aus dem bestand, was sich hätte ereignen kennen, aber nicht ereignet hatte, und dass ein Weg nicht besser oder schlechter war als ein anderer, aber das Qualvoll daran, in einem einzigen Körper am Leben zu sein (...) (S.1254)

Auster verleiht Archie "vier" Körper, vier Leben, die zeigen, wie er sich unter verschiedenen Umständen und Wohnorten entwickelt.
Meistens wird aus der Perspektive Archies erzählt, aber in einigen Situationen schaut der auktoriale Erzähler in die Köpfe anderer Figuren, die überlegen, was wäre wenn ich dies und jenes getan hätte, was wäre anders gewesen oder was wäre anders gekommen.
Ein Spiel mit parallelen Wirklichkeiten, ein Thema, das auch schon im "Mann im Dunkel" angeklungen ist.


Nach den vier Varianten der frühen Kindheit, erfahren wir in 2.1. bis 2.4, wie der junge Archie zum 11-13-jährigen Jugendlichen heranwächst.
In den Kapiteln 3.1-3.4 ist er in der Pubertät, erlebt die erste Liebe und macht erste sexuelle Erfahrungen. Die Zeit bis zum High School Abschluss wird in den 4er Kapiteln, das erste Jahr auf der Uni bzw. in Frankreich in den 5er Kapiteln erzählt. Die letzten beiden Teile widmen sich der Zeit auf der Universität und sind stark von den politischen Unruhen Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre geprägt.

Soviel zur Struktur - ohne allzu viel zu verraten. Ganz am Ende des Romans deckt Auster sehr geschickt die Konzeption des Romans auf und dann ergibt auch der Titel plötzlich einen Sinn.

Was uns beim Lesen beschäftigt hat, ist die Frage, wodurch sich die Archies in den einzelnen Varianten unterscheiden und was gleich bleibt. Welche Eigenschaften und Verhaltensweisen sind unabhängig von den äußeren Umständen?

In allen Versionen ist Archie ein Sympathieträger, der auf unterschiedliche Art und Weise unkonventionell handelt, wie Mira treffend bemerkt hat.
Ein junger Mann, der nach Liebe sucht, loyal wenige, aber tiefgehende Freundschaften pflegt.
Er ist politisch interessiert, bleibt aber eher ein Beobachter, eine Randfigur mit gemäßigter liberaler Einstellung, der jedoch klar Stellung gegen den Vietnamkrieg bezieht.

Was gleich bleibt, ist die Figur der Mutter (immer Fotografin), von der Archie sehr geliebt wird und die bis zum Ende der High School Zeit seine Bezugsfigur, die wichtigste Person in seinem Leben ist.
Das Verhalten seines Vater hingegen wird von den äußeren Umständen beeinflusst. Während in der 1.Variante die Eltern permanent mit finanziellen Problemen kämpfen haben und sich dadurch eine verschworene Familiengemeinschaft bildet, ist in Version 4, der Vater beruflich erfolgreich und die Familie bricht auseinander.  In Variante 3, in der der Vater stirbt, beeinflusst das Archies Leben entscheidend, wir erleben den labilsten Archie,

(...) den stolzen, überempfindlichen, mit krankhaften Selbstzweifeln gesegneten Ferguson" (S.975).

Auch andere Figuren tauchen in unterschiedlicher Funktion in den einzelnen Varianten auf, wie die Familie Schneidermann:
Beim alten Schneidermann hat Rose ihre Ausbildung als Fotografin absolviert und dabei seine Sohne Gil und Dan kennengelernt - so viel sei hier verraten, sie bleibt ihnen verbunden und damit spielen sie auch in Archies Leben eine Rolle.
Auch Dans Kinder Jim und Amy (!) beeinflussen Archies Leben. Die Liebe zu Amy ist eine der Konstanten, wenn sie auch nicht in allen Variationen ein Paar werden.

"und noch einige Jahre lang würde sie die größten Freuden und die größten Qualen in sein junges Leben bringen und für ihn die unverzichtbare Andere sein, die er brauchte wie die Luft zum Atmen" (S.209, 2.1)

"Amy war die Dreingabe, das unter einem Haufen zerknülltem Einwickelpapier versteckte Geburtstagsgeschenk, das erst gefunden wird, wenn die Party vorbei ist und alle Gäste nach Hause gegangen sind." (S.336, 2.3)

Die Stelle offenbart Austers Vorlieben für Vorausdeutungen und auch für Vorankündigungen.
Das nimmt zwar einen Teil der Spannung, andererseits fokussiert es die Leser*innen auf bestimmte wichtige Vorkommnisse.
Ebenso hat er hat eine Vorliebe für Schicksalsschläge, die dem jungen Archie zustoßen und mit denen er in allen Varianten seines Lebens konfrontiert wird und die uns als Leserinnen getroffen haben. Mitlachen, mitfühlen und mitweinen.

"Alles eine Zeitlang stabil, und dann eines Morgens geht die Sonne auf, und alles bricht in Stücke."(S.158)

Die Frage war: Welche Welt bewohnte Ferguson jetzt, und wie hatte diese Welt sich für ihn verändert? (S.506)


Wie in "Mann im Dunkel" gibt es im Roman einige Geschichten in der Geschichte: Kurzgeschichten Prosastücke von Archie, Allegorien, die auch die Konzeption des Romans "erklären".

In "Elf Augenblicke aus dem Leben des Gregor Flamm" erzählt er die Lebensgeschichte eines Menschen in 11 Momentaufnahmen, so dass

"trotz der Lücken und der Stille zwischen den einzelnen Teilen (...) der Leser sie im Kopf zusammenfügen (würde), sodass die gesammelten Szenen sich zu etwas summierten, das einer Geschichte oder mehr als einer Geschichte gleich - einem langen Roman im Kleinformat." (S.711)

Müssen wir uns Archie zusammensetzen - aus all den Varianten?

Interessanterweise ist die Liebe zum Lesen und zur Literatur, zu Filmen und zum Schreiben in "allen Archies" vorhanden. Das, was er schreibt, variiert, aber er schreibt - Reportagen, Berichte, Filmkritiken, Kurzgeschichten, Romane. Das kreative Talent bricht sich seine Bahn - unabhängig der äußeren Umstände.

Weitere Gemeinsamkeiten sind
  • Liebe zum Sport, Baseball und/oder Basketball
  • Liebe zu Frankreich und zur französischen Sprache
  • Veröffentlichungen, allerdings unter verschiedenen Namen, die zusammengesetzt, den vollen Namen ergeben: A.I. Ferguson, Archie Ferguson, Isaac Ferguson
  • Figuren, die verschiedenen Varianten auftauchen, wie Howard Small, der Archies Freund in 2.2. ist und in 5.4. sein Freund am College wird
  • ....
Ich könnte noch viele Seiten darüber füllen, was der Roman neben einem Entwicklungsroman noch zu bieten hat und hätte trotzdem das Gefühl, dem Roman nicht gerecht zu werden, der ein Buch über Bücher und Filme ist, ein Literaturkanon, eine Hommage an Paris, ein Buch über den Schreibprozess und ein Roman, der ein detailliertes Porträt der amerikanischen Geschichte von 1954-1971 zeichnet. Themen wie der Vietnamkrieg, die Bürgerrechtsbewegung, die Ermordung Kennedys, der Rassenkonflikt, die brennenden Ghettos amerikanischer Großstädte, die Entstehung der Black-Power-Bewegung...um nur einiges zu nennen, was Archies Leben beeinflusst und begleitet. Auch vor dem Thema Bi- und Homosexualität macht Auster nicht Halt.
Ein unglaublich vielfältiger Roman, der offensichtlich auch eine autobiografische Dimension hat, wenn man den Klappentext auf dem Rückumschlag liest. Wobei mich das beim Lesen weniger beschäftigt hat. Auster bezieht jedoch durch seinen sympathischen Protagonisten eine klare Position, spricht sich für die friedliche Studentenbewegung und die Emanzipation aus, gegen die Außenpolitik der USA in den 50er/60er Jahren, gegen die Rassendiskriminierung und gegen die Ausgrenzung Homosexueller,  nicht zufällig endet der Roman mit einem politischen Ereignis.

Trotz der Länge ist dieser Roman niemals langweilig, bis auf die Seiten über Baseball und Basketballspiele (ich kann diesen amerikanischen Sportarten nichts abgewinnen) habe ich jede Seite genossen und ehrlich gesagt, fällt mir der Abschied von Archie genauso schwer wie Mira. Eine sehr intensive Lesezeit und eine Lektüre, die ich weiterempfehlen möchte.

Hier geht es zu Miras Rezension.