Samstag, 22. Juli 2017

Claire Fuller: Eine englische Ehe

- ein Liebesroman (?)

Hörbuch von Audible
gelesen von Heikko Deutschmann, Leslie Malton
9 Stunden 56 Minuten

Inhalt
Gil Coleman, ein bekannter Schriftsteller, steht in einer Buchhandlung und während er im Roman "Wer verändert war und wer gestorben war" blättert und dort einen Brief vom 2.Juli 1992 findet, der an ihn selbst gerichtet ist, sieht er draußen seine Frau Ingrid vorüber gehen. Ingrid, die vor 12 Jahren (1992) spurlos verschwunden ist. Ihre Sachen wurden am Nudistenstrand gefunden, unweit vom Haus, dem Swimming Pavilion, in dem sie mit ihren beiden Kindern, Flora (9) und Nan (15) gewohnt hat. Ingrid liebte es zu schwimmen und war eine hervorragende Schwimmerin.

Während er ihr folgt, lehnt er sich über die Balustrade zur Strandpromenade des kleinen englischen Dorfes und fällt. Aufgrund seiner Verletzung informiert Nan Flora, die inzwischen Kunst studiert und gerade einige Nächte mit Richard verbracht hat.

Kurz entschlossen leiht er ihr sein Auto und sie fährt zum Swimming Pavilion. Von ihrer Schwester Nan erfährt sie, dass ihr Vater sterbenskrank ist und die alten Fragen nach dem Verbleib ihrer Mutter tauchen wieder auf. Das Haus ist zudem in einem chaotischen Zustand. Überall sind Bücher zu Stapeln aufgetürmt. Folge der Leidenschaft Gils, der Bücher sammelt, in die die Leser*innen hineingeschrieben, gemalt oder beschriftete Notizzettel hinterlassen haben.

Schon in der Zeit als Literaturprofessor ist es seine feste Überzeugung, dass Belletristik Leser*innen braucht, findet ein Roman keine, ist er sinnlos. Es ist die eine Seite, was der Autor oder die Autorin mit dem Werk "aussagen" wollte, die andere, wichtigere, was macht der Roman mit den Leser*innen, was löst er aus, welche Gedanken und Gefühle haben sie beim Lesen?

Die Rückkehr in ihr Zuhause und die Tatsache, dass ihr Vater ihre Mutter gesehen hat, wirft bei Flora Fragen an die Vergangenheit auf. Und die Antworten sind so nah - in Briefen, die Ingrid im Sommer 1992 an Gil geschrieben hat. In der Zeit, in der er sie verlassen hatte, um in London zu sein.
Die Briefe sind in seinen Büchern versteckt, die Titel passen jeweils zum Inhalt des Briefes. Wer die Romane oder Sachbücher alle kennt, könnte sicherlich weitere Bezüge entdecken.

Die Briefe, die parallel zur Handlung der Gegenwart eingeschoben werden, decken Ingrids gemeinsame Vergangenheit mit Gil bis zu dem Zeitpunkt ihres Verschwindens auf und erklären, warum sie sich für diesen radikalen Schritt - ihre Kinder zu verlassen, entschieden hat.

Kennen gelernt hat Ingrid Gil Coleman als ihren Literaturprofessor. Die beiden verliebten sich und Gil hat offensiv um die junge, hübsche Frau, die gebürtig aus Norwegen stammt, geworben. Er nimmt sie mit in sein Haus, den Swimming Pavilion, den er von seinen Eltern geerbt hat und zu dem ein Schreibzimmer außerhalb des Hauses gehört - Rückzugsort für den Schriftsteller.

Sowohl Gils Freund Jonathan als auch Ingrids Freundin Louise warnen sie vor der Beziehung. Jonathan deutet an, dass Gil nicht treu sein wird, Louise erinnert sie an ihre Träume, die nicht darin bestehen, Ehefrau und Mutter zu werden. Doch dann wird Ingrid schwanger, Gil muss die Universität verlassen, Ingrid darf ihr Studium nicht zu Ende machen - es ist das Jahr 1976.

Die beiden heiraten und alles scheint gut zu sein, sie sind glücklich in ihrem Haus am Meer, auch wenn sie kein Geld haben. Partys werden gefeiert, bis das Baby - Nan - auf die Welt kommt und Ingrid merkt, dass ihr eine tiefe Bindung zu dem Kind fehlt. Ihr Lebenstraum scheint sich in Luft aufzulösen.

Während sich in der Gegenwart die Beziehung zwischen Flora und Richard, der in das Küstendorf gekommen ist, festigt, und Gil Richard bittet, nach seinem Tod alle Bücher zu verbrennen, reflektieren die Schwestern die Vergangenheit ihrer Eltern. Nan schenkt Flora endlich reinen Wein ein: Gil war ein Frauenheld. Doch das ist nicht der einzige Verrat an Ingrid.

Die Briefe zeigen schonungslos Gils rücksichtsloses Verhalten, aber  auch seine Liebe zu Ingrid, die ihm nichts entgegensetzen kann. Weder kann sie ihn verlassen noch sich mit ihrer Rolle  als Ehefrau und Mutter abzufinden.
Am Ende schließt sich der Kreis zum Beginn des Romans und lässt die Leser*innen mit einigen Fragen zurück.

Bewertung
Der Roman hat mich an "Eine treue Frau" von Jane Gardam erinnert. Die Unfähigkeit ein neues Leben beginnen zu können, an der Ehe festzuhalten, obwohl Gefühle dagegen sprechen.
Nach den letzten Sätzen des Romans habe ich den Anfang wieder gehört und festgestellt, wie gut er komponiert er ist. Die Symbolik der flatternden Plastiktüte, der Roman, in dem der letzte Brief Ingrids zu finden ist  - durchdacht.
Auch der Wechsel zwischen der Handlung der Gegenwart und den Briefen hat mir gut gefallen. Oft wird in der Gegenwart ein Thema angesprochen, wie der "blaue Babyschuh", dessen Bedeutung dann in einem Brief Ingrids erklärt wird. Auch dass die Briefe alle in anderen Büchern versteckt waren und die Titel jeweils zum Inhalt des Briefes gepasst haben, hat mich fasziniert.
Neben dem Aufbau und den intertextuellen Bezügen trägt vor allem die Frage, warum Ingrid verschwunden ist, durch die Handlung. Ihre Briefe - einfühlsam gelesen von Leslie Malton, sind so authentisch, so gefühlvoll formuliert, dass sie Verständnis für Ingrid hervorrufen und man als Leser*in mit ihr leidet und liebt. Sie ist eindeutig, neben Flora und Nan, die Sympathiefigur im Roman. Doch auch Gil erscheint nicht als reine Antipathiefigur - mit seinem Charme und seiner Liebe zu Ingrid, empfindet man trotz seiner Untreue und seines Verrates an Ingrid am Ende Mitleid mit ihm. Hat er aus seinen Fehlern gelernt? Zumindest war er nach Ingrids Verschwinden für die Mädchen da, ob er ein guter Vater war?
Das Ende wirft einige Fragen auf, hier wäre Platz für Notizen im Buch. 😉

Ein lesenswerter Roman, der mit den Reflexionen zu Lebensträumen und -wegen, zur Ehe und Freundschaft bei mir als Leserin Fragen zum eigenen Leben ausgelöst hat.
Laut Gil Coleman also ein guter Roman 😉.



1 Kommentar:

  1. Klingt recht interessant, liebe Christina. Ich behalte das (Hör-)Buch im Hinterkopf. Ich würde es aber lieber lesen statt hören. Ich kann nur lesend vom Alltag abschalten und abtauchen.
    LG, Mira

    AntwortenLöschen