Dienstag, 28. März 2017

Per J. Andersson: Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden

- eine wahre Geschichte.

Lesen mit Mira

Taschenbuch, 344 Seiten
Kiepenheuer &Witsch, 2. April 2015

Der Roman erzählt die wahre Geschichte des Inders Jagat Ananda Pradyumna Kumar Mahanandia, kurz Pikay genannt, der von Indien nach Schweden gereist ist, um seine große Liebe wiederzufinden.
Mira hat den Roman wegen des Titels gekauft, mich hat er sofort an den "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg..." erinnert.
Es ist jedoch weder ein lustiger noch ein satirischer Roman, sondern eine berührender Lebensbericht, der sowohl die indische als auch die westliche Kultur differenziert betrachtet. Mira und ich sind uns einig, ein lesenswertes Buch!

Inhalt
Pikay wird als Sohn eines "Unberührbaren" und einer Frau aus dem Stammesvolk in einem Dorf in Indien, nahe des Dschungels Ende der 1940er Jahre geboren.
Am Tag seiner Geburt prophezeit ihm der Astrologe des Dorfes, dass er ein Mädchen heiraten wird, das nicht aus diesem Land stamme, musikalisch sei und einen Dschungel besitze. Pikay hält Zeit seines Lebens an dieser "Bestimmung" fest, sie ist seine Triebfeder, die ihm den Ausbruch aus seiner aussichtslosen Lage als Unberührbarer ermöglicht.

Die britischen Kolonialherren haben das besetzte Indien verlassen müssen und seltsamerweise verbindet der Vater mit den Briten positive Erinnerungen. Das mag damit zusammenhängen, dass die Briten Pikays Großvater zum "Chatai des Dorfes gemacht hatten - ein Titel, der verpflichtete" (S.70). Er war sozusagen der "Herrscher" des Dorfes und rechnete den Briten hoch an, dass sie ihn nicht wie einen Unberührbaren behandelten.
Von der Geschichte her ist diese Aussage eigentlich nicht zu verstehen, darüber habe ich mit Mira diskutiert. Die britischen Besatzer haben überwiegend mit den Hindus der ersten drei Kasten zusammengearbeitet, während die unterste und die "Unberührbaren" regelrecht ausgebeutet und unterdrückt wurden.

Währenddessen hat die neue indische Regierung Gesetze erlassen, die eine Diskriminierung der Kastenlosen, der Dalit, verbietet, die keiner der traditionellen 4 Kasten des Hinduismus angehören.
Doch die Realität des kleinen Pikay sieht anders aus. In seinem Dorf wird er von den Brahmanen, den hinduistischen Priester, vom Tempel verjagt, in der Schule muss er außerhalb des Klassenraums sitzen und darf niemanden anfassen, stets spielt er für sich allein, gehört er doch zu den Unreinen.

"An den Tagen, an denen der Schulinspektor zu Besuch kam, war alles anders. Der Inspektor sollte kontrollieren, ob die Schule die Gesetze Indiens befolgte, die besagten, dass niemand aufgrund seiner Kaste diskriminiert werden dürfe. (...) Die Gegenwart des Inspektors veranlasste den Lehrer und die Klassenkameraden, Pikay anders zu behandeln." (S.59)

Während also der kleine Pikay in der Schule leidet und nur der Schein gewahrt wird, wächst in der Schwedin Lotta "am anderen Ende der Welt" die Sehnsucht nach Indien.

Pikays Leidensdruck wird so stark, dass er sogar einen Selbstmordversuch unternimmt, doch sein Lebenswille siegt. Er beendet die Schule erfolgreich und da er ein begabter Künstler und Maler ist, gelingt es ihm, ein Stipendium für eine Kunsthochschule zu erlangen, so dass er sein Dorf und den Dschungel verlässt, um sich in der Großstadt Neu-Delhi durchzuschlagen.

"In der ersten Nacht in seiner neuen, schönen Welt schlief er tief und traumlos im fünften Stock des staatlichen Gästehauses. Am ersten Morgen stand er im Flur und sah aus dem Fenster, rieb sich die Augen und  verspürte Angst. (...) Plötzlich hatte er das Gefühl, am liebsten in die Geborgenheit, ins Bett, ins Dorf in Orissa, zur Familie zurückkehren zu wollen." (S.84)

Zu Beginn scheint alles gut zu gehen, doch dann erhält aufgrund der Korruption kein Schulgeld mehr und wird obdachlos. Sein Leben ist fortan vom nagendem Hunger bestimmt, so dass er seiner einzigen Geldquelle, dem Porträtzeichnen nicht mehr nachkommen kann. Erneut will er seinem scheinbar sinnlosen Dasein ein Ende setzen, als sich das Blatt für ihn zum Guten wendet.
Er lernt einen wohlhabenden Mitschüler kennen, Tarique, der ihn bei sich schlafen lässt - bis sein Vater, der Oberste Richter dies verbietet. Immer wieder stößt Pikay auf die offene Diskriminierung der Unberührbaren trotz der bestehenden Gesetze. In den Köpfen der Bevölkerung herrscht jedoch immer noch der Glaube an die Kastenzugehörigkeit.
Zufällig zeichnet Pikay die erste Frau im Weltall, Walentina Tereskowa, was ihm zu einigem Ruhm verhilft, so dass er sogar Indira Ghandi zeichnen darf, was ihm kurzfristig eine finanzielle Sicherheit gewährt.
Im Frühjahr 1975 ist Pikay der Springbrunnenmaler: "Ten Rupies, ten minutes" lautet seine Devise. Es ist der Ort, an dem er seine Zukünftige kennenlernt - Lotta aus Schweden, die mit einigen Freunden in einem alten VW-Bus nach Indien gereist ist.
Lottas Lebenseinstellung hat Mira und mich sofort angesprochen, so dass wir es unabhängig voneinander markiert haben:

"Trotz der christlichen Mutter und ihrer eigenen Neugier auf Yoga und die asiatischen Lebensphilosophien stand sie den Religionen kritisch gegenüber. Sie war Humanistin. Das musste genügen. Alle Menschen hatten dieselbe Lebensenergie, ganz gleich, woher sie stammten und wie ihre Hautfarbe war. Wenn man so denkt, ist es unmöglich, rassistisch zu sein, meinte Lotta." (S.128)

Doch Lotta kehrt nach Schweden zurück und obwohl sie Pikay liebt, lässt sie sich von ihrer Mutter überzeugen zu warten. In seiner Verzweiflung macht sich der junge Inder auf den Weg nach Schweden, mit dem Fahrrad fährt er Ende 1976 auf dem Hippie-Trail gen Westen und stößt auf Hindernisse, die seiner Liebe entgegenstehen. Aber nichts scheint ihn aufhalten zu können...


Bewertung
Mira und ich sind uns einig, ein lesenswerter Roman, der viele Weisheiten enthält, die wir alle gar nicht aufschreiben können. Ein Roman, der einen Einblick in die indischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ermöglicht und der unterschiedliche Lebenswelten in diesem Land schildert: das Dorf Orissa und die Großstadt Neu-Delhi. Der einen differenzierten Blick auf die indische und westliche Kultur wirft und aufzeigt, dass Diskriminierung und Rassismus, aber auch Menschlichkeit und Nächstenliebe in jeder Kultur und Nationalität verankert sind. Pikay wird aufgrund seiner Herkunft in Indien ausgegrenzt, erfährt aber auch Anerkennung und Achtung. Auf seiner langen Reise durch Afghanistan, den Iran und die Türkei schildert er, wie gastfreundlich er behandelt wird. Wie er gegen eine Zeichnung zum Essen eingeladen wird, eine Unterkunft für die Nacht erhält. Das ist in unserer westlichen Kultur fast undenkbar, oder?
Eine Freundin in Wien warnt ihn daher vor "Europa":

"Pikay, sagen sie, du bist ein guter Mensch, du machst Menschen gut. Aber du kennst Europa nicht. In Europa ist die Mitmenschlichkeit ein aussterbendes Gut. In Europa werden die Taten der Menschen von Angst und nicht von Liebe gesteuert." (S.275)

Fast scheitert er an der westdeutschen und schwedischen Grenze. Interessant ist auch die Szene, in der Pikay erkennt, wie schwierig es ist, seinem Ursprung zu entfliehen, obwohl er schon eine Zeit lang in Schweden lebt.

"Die Umgebung findet, Pikay solle doch Yoga-Unterricht geben, auch wenn er beteuert, auf diesem Gebiet kein Experte zu sein. Doch die Erwartungen hängen ihm an, und die Angebote, Kurse zu leiten, häufen sich." (S.302)

Das Klischee haftet an ihm und den Vorurteilen, auch wenn sie hier freundlich gemeint sind, kann er nicht entkommen.

Ein lesenswerter Roman, an dem mich nur gestört hat, dass die Figuren aufgrund der Erzählform (Er-Form), fast ausschließlich aus der Sicht Pikays und der wenigen Dialoge und Szenen, auf Distanz bleiben. Ich habe - anders als Mira - länger gebraucht, um in den Roman eintauchen zu können und hätte mir weniger Zusammenfassungen und mehr "Einzelaufnahmen" gewünscht, die einen ins Geschehen hineinziehen. Das mag daran liegen, dass der Autor Reisejournalist mit dem Schwerpunkt Indien ist, was andererseits seine herausragenden Kenntnisse über das Land und seinen differenzierten Blick auf die Kultur erklärt.
Hier geht es zu Miras Rezension.





Kommentare:

  1. Liebe Tina, schön geschrieben. Ich zehre noch immer an unser recht langes Telefonat. Es war so ergiebig. Schön, dich kennengelernt zu haben. Und wenn Anne hier mitliest, dasselbe empfinde ich auch für dich, liebe Anne.
    Liebe Grüße, Mira

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    1. Liebe Mira,
      ich habe unser Telefonat sehr genossen und freue mich auf meinen Besuch und auf unser nächstes Buch!
      Liebe Grüße,
      Tina

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