Donnerstag, 16. November 2017

Robert Menasse: Die Hauptstadt

- eine europäische Farce.

Quelle: pixabay
Hörbuch von Audible
gesprochen von Christian Berkel
14 Stunden 21 Minuten

Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich das Vergnügen ein Interview mit Robert Menasse mitzuerleben, in dem er sich als überzeugter Europäer präsentiert hat. Da er für seinen Roman den Deutschen Buchpreis erhalten hat, war meine Neugier geweckt.


Worum geht es?

Ein Schwein läuft durch Brüssel. Zuerst sieht es der Belgier David de Vriend, Holocaust-Überlebender, der nach 60 Jahren seine Wohnung verlässt, um in ein Altenheim zu ziehen.
Karl-Uwe Frigge, Deutscher und EU-Beamter, der in der Generaldirektion Trade der Europäischen Kommission arbeitet, erblickt das Schwein von seinem Taxi aus. 
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommision, wartet auf jenen Frigge, in den sie sich verliebt hat. Er soll ihr helfen aus dem ungeliebten Kulturbereich herauszukommen. Aus einem Restaurant heraus beobachtet sie das rosa Hausschwein, das Richtung Hotel Atlas läuft, aus dem gerade der Mörder Richard Ossietzky tritt.
Ein Mordfall, dem sich der Kommissar Brunfaut annehmen wird und der dann einfach zu den AKten gelegt wird und auch nicht gelöst werden wird - wie so viele Probleme der europäischen Union.

Martin Susmann, österreichischer Bauernsohn und Referent bei Fenia, dessen Bruder Florian einen großen Schweinemastbetrieb unterhält und der den Einfluss Martin in Brüssel gelten machen will, sieht das Schwein von seiner Wohnung aus, wie es gerade jemanden zu Boden wirft.

Professor Alois Erhart, Erimitus der Volkswirtschaft und eingeladen zu einem Think-Tank der Kommission, Europa, hilft jenem Mann, der vom Schwein zu Boden gestoßen wurde, einem Immigranten, dem durch den Kopf geht: „Sein Vater hatte ihn vor Europa gewarnt.“

In diesem furiosen Prolog erscheinen die wichtigsten Hauptfiguren  - verbunden durch ein rosa Hausschwein, das Brüssel noch einige Zeit beschäftigen wird.

Im Mittelpunkt stehen diese Figuren und das Jubilee-Projekt der Europäischen Kommission, das dazu dienen soll, das Ansehen der europäischen Union aufzupolieren. Fenia reißt das Projekt an sich und beauftragt Martin Susmann eine Idee auszuarbeiten. Dieser hat den genialen Einfall, Auschwitz in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu stellen. Als Ort, an dem nationale Identität aufgehoben wurde und als Symbol, dass Nationalität überwunden werden muss, damit sich ein solch unfassbares Verbrechen nie wiederholen kann. Ob sich eine solche Idee durchsetzen kann?

Neben dem Jubilee-Projekt spielt auch ein Handelsabkommen mit China eine Rolle - es geht um Schweine. Am Beispiel der (Um-)wege, die Florian Susmann als Vertreter der europäischen Schweinezüchter gehen muss und der Argumente, die diesbezüglich ausgetauscht werden, wird deutlich, wie stark die nationalen Interessen innerhalb der EU immer noch im Vordergrund stehen. 

Der Roman endet mit dem Holocoust-Überlebenden David de Vriend, der von einer Bombe in der Brüsseler U-Bahn ums Leben kommt. Mit ihm stirbt die Erinnerung und konsequenterweise endet auch die Jubilee-Idee, Auschwitz zum Zentrum der Feierlichkeiten zu machen, in den Mühlen der Bürokratie und scheitert an nationalen Befindlichkeiten.
Und das Schwein? Am Ende ist es verschwunden, wie die europäische Idee?


Bewertung
Menasse verführt dadurch, dass er mit satirischen Mitteln die EU-Kommission und ihre Arbeitsweise bloß stellt, zum Lachen. Andererseits appelliert er mit der Idee Auschwitz zum Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu machen für die Überwindung des Nationalstaates, für ein vereintes Europa, in dem die nationalen Interessen hinter europäische zurücktreten, damit Auschwitz nie wieder Realität wird. Damit schärft er den Blick für die Grundidee hinter der EU und erinnert an das, was uns vereinen sollte.

Ein sehr interessanter Roman, der überaus unterhaltsam erzählt wird - und eine echter Hörgenuss dank des guten Vorlesers Christian Berkel. Neben der politischen Thematik wird auch die Lebensgeschichte der einzelnen Hauptfiguren ausgebreitet, die jeweils in sich stimmig ist und immer wieder um die Themen nationale Identität und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kreisen. Daneben enthält der Roman aber auch sehr berührende Szenen.

Prof. Erhardt beschreibt, wie er nach 40jähriger Ehe, mit seiner Frau Trudi guten Sex erlebt:

"Er schob ihr Nachthemd hoch, spürte dabei eine kurzen stechenden Schmerz in seinen Lendenwirbeln wie ein Stromschlag. Er stöhnte, sie zog das Hemd aus. Sie lächelte, erstaunt, fragend. Er betrachtete ihren Körper, studierte ihn. Las jede Falte, jedes blaue oder rote Äderchen und jedes Fettpölsterchen wie eine Landkarte auf der ein langer gemeinsamer Weg eingezeichnet war. Ein Lebensweg mit Höhen und Tiefen und er drückte sich erregt an sie, weinte, drückte, das Licht, der Röntgenblick und plötzlich in größter Erregung spürte er es. Ein Verschmelzen, in dem ihre Seelen sich berührten. Und sie lachte, Trudi. Ihre Seelen berührten sich.“ (Kapitel 83)

Ein Roman, den es sich zu lesen oder zu hören lohnt, und nicht nur, weil er den Deutschen Buchpreis gewonnen hat.

Hier geht es zur Seite des Verlags (Suhrkamp).

Montag, 13. November 2017

Bernd Mittenzwei: Die zweite Luft

- eine Novelle.

Taschenbuchausgabe, 182 Seiten
A. Fritz Verlag, 5. Juni 2017


Das Leseexemplar wurde mir vom Verlag zur Rezension angeboten. Da ich schon einige schlechte Erfahrungen mit solchen Anfragen gemacht habe, war ich zunächst kritisch. Doch die Thematik der Novelle hat mich angesprochen und überzeugt.

Worum geht es?
Der Roman spielt im Jahre 1986 in Altdorf, einer Stadt in der Nähe von Nürnberg. Zu Beginn folgen wir der 40-jährigen Lydia auf ihrem morgendlichen Lauf aus der Stadt heraus, die ihr jahrelang Heimat gewesen ist.

"Dies war ihr Nest gewesen, ihre Geborgenheit, ihr Platz im Leben. Doch das war vorbei, es bedeutete nichts mehr. Dieser ganze Mikrokosmos, der ihre Welt gewesen war, diese ökologische Nische für Kleinstädter, dieser Tümpel, in dem jede Generation aufs Neue ihren Laich ablegte, sich vermehrte, fraß und starb, dessen Gerüche sie ihr Legen lang aufgesogen hatte, sie hatte sich satt gelebt darin." (S.10)

Lydias Leben ist im Wandel, auf ihrem langen Lauf gedenkt sie ihrer besten Freundin Sulla, die sie einst aus einer heiklen Situation gerettet hat und die in Südafrika gestorben ist. An ihre Arbeitsstelle, an ihren Exfreund und als Leser*in spürt man, dass Lydia davon läuft...

Der zweite Protagonist ist Stenger, verheiratet und zum Abendessen mit den Nachbarn geladen. Eine gesellschaftliche Verpflichtung, der er sich gerne entziehen will. Eoch eine Schuld lastet auf ihm, an die ihn seine Frau erinnert. Etwas, das ihn niederdrückt und ihn zum Alkohol greifen lässt.

"Andere Männer hatten es da leicht. Sie spielten leidenschaftlich Fußball, schraubten an imposanten Motorrädern, bastelten respektable Modellflugzeuge, planten aufregende Reisen oder bauten repräsentative Gartenhäuser. All dies stand ihm nicht zur Verfügung. Dies konnte er nicht, jenes wollte er nicht, und was er gewollt und gekonnt hätte, das ließ er bleiben, damit es ihm nicht misslingen konnte. Bis in alle Ewigkeit ist Sisyphos verdammt." (S.17)

Auch das Abendessen bei den Nachbarn misslingt, da Stenger sich haltlos betrinkt - mit fatalen Folgen.

Die dritte Figur ist der Zivildienstleistende Stefan, der in einem Altenheim arbeitet und sich um Theodor Macke, eine alten Herrn mit "schleimigen Altmännerphantasien" (S.31) kümmert.
Stefan ist ein Einzelgänger, ein Junge, der in seiner Kindheit wenig Liebe erfahren hat und sich in der Gegenwart der Alten gebraucht und geborgen fühlt. Doch dann macht er eine Dummheit und glaubt, er müsse fliehen. Mit dem Fahrrad macht er sich auf den Weg.

Genau wie Stenger nach dem katastrophalen Abend mit den Nachbarn in sein Auto steigt und davon  fährt.

Bewertung
Drei Menschen, die an einer Wegkreuzung stehen und weglaufen wollen, die ihren Weg suchen und Möglichkeiten ausloten und dann überraschend zusammen treffen.
Da der Roman jeweils aus der personalen Perspektive dieser Personen erzählt wird, taucht man als Leser*in intensiv in die jeweilige Gedankenwelt ein. Dem Autor gelingt es ein stimmiges Bild der Gefühlswelt der Figuren zu zeichnen - sehr authentisch die Situation, als Stenger im Bad betrunken versucht, die Richtung wieder zu finden. Die Sprache ist teilweise etwas überladen, aber immer wieder finden sich originelle Bilder und eindringliche Aussagen, die nur manchmal zu plakativ daherkommen. Insgesamt eine sehr positive Überraschung, eine unterhaltsame Novelle, die nachdenklich macht und ganz wunderbar das positive Gefühl beim Laufen beschreibt.

Die Schlüsselszene für mich ist, als Stefan und der alte Macke einmal zufällig Lydia und Sulla beobachten. Sulla, die ihrer Freundin zeigen will, dass man immer die Wahl hat - bei jeder Entscheidung. Dieses Gespräch geht Lydia beim Laufen durch den Kopf - "etwas anderes machen, das ganz andere".

Eine positive Überraschung!



Samstag, 11. November 2017

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen

- Innenansichten eines Fossils.

Leserunde auf whatchareadin

Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
Frankfurter Verlagsanstalt, 7. März 2017

Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar.

Inhalt

Walter Nowak liegt im Badzimmer, unbeweglich. Seine Frau Yvonne ist auf einer Tagung und kommt hoffentlich wieder.

"Seitdem ich Yvonne kenne, war ich noch nie länger, wir waren noch nie länger als länger als zwei Tage getrennt. Das ist nun wirklich. Kein Beinbruch, das ist kein Weltuntergang. Das lässt sich alles erklären, Yvonne wird es verstehen. Ich erzähle es ihr. Wo fange ich an?" (S. 5)

Der Roman ist ausschließlich im Gedankenstrom aus Walters Perspektive verfasst, was eine besondere Dynamik erzeugt und einen tiefen Einblick in die Welt dieses 68-jährigen Mannes ermöglicht. Wie eine Diskussionsteilnehmerin in der Leserunde so treffend bemerkt hat, gleichen die Sätze einer "Stickarbeit".

Walter erzählt (allerdings im Präsens, was zu Beginn verwirrt), wie er wie jeden Morgen ins Schwimmbad gefahren ist, um seine Bahnen zu ziehen und beim Anblick einer jungen Frau mit Pferdeschwanz - eine Frisur, die schon seine Mutter getragen hat und die ihn schwach werden lässt - verfehlt er das Ende der Bahn und knallt gegen den Beckenrand.
Ein Kopfverletzung, die ihn zunehmend verwirrter werden lässt. Wann genau er im Bad liegen bleibt und sich das abspielt, was er vor den Augen der Leser*innen ausbreitet, darüber haben wir auch diskutiert. Letztlich ist die Chronologie der Ereignisse weniger wichtig als das Leben selbst, von dem Walter erzählt.
Von seiner Kindheit als Bastard und dem Wunsch Elvis (der eine Zeit lang in Walters Heimatstadt stationiert gewesen ist) sei sein Vater. Von der Ablehnung seines Großvaters, der den ungeliebten Enkelsohn los werden will.

"Mein Großvater hat mich einmal, der hat mich zweimal, hat mich verdroschen, wann es nur ging. Doch irgendwann. Hielt ich die Axt in der Hand. Danach war Schluss mit den Schlägen." (S. 48)

Er erinnert sich an die Ausgrenzung, die er in der Schule und von Mitschülern erfahren hat - bis auf einen, dessen Tod für ihn ein einschneidendes Erlebnis ist.
Walter stellt sich den Leser*innen als Mann dar, der seine Probleme verdrängt, statt sie sie aufzuarbeiten.

"Der Paartherapeut, dieser Idiot. Ich bitte Sie, ich bin ein erwachsener Mann, ich werde jetzt nicht anfangen, ich werde Ihnen jetzt nicht vorheulen, wie schlimm meine Kindheit war. Meine Mutter hat alles getan, das war eine andere Zeit. Sie hat getan, was in ihrer Macht stand." (S.13)

Ein Selfmade-Man, der stolz auf das ist, was er erreicht hat.

"Wer schläft denn bis zwölf. Das ist nicht der Igel, das bin doch nicht ich. Wer bis zwölf Uhr schläft, erreicht nicht, was ich errecht habe. Der boxt sich nicht durch, macht nicht die mittlere Reife. Der findet keine Lehrstelle beim besten Meister. Wer bis zwölf schläft, kann die Lehre vergessen, der wird nicht Elektriker. Erlangt nicht die Gunst seines Chefs. Wer bis zwölf Uhr schläft, übernimmt keine Firma. Arbeitet nicht wie besessen, revolutioniert nicht den Markt." (S.52)

Der aber kein Verständnis für seinen Sohn Felix hat, der nicht in seine Fußstapfen treten will und zu dem er keine Beziehung aufbauen kann. Er selbst hat nie einen Vater kennen gelernt, begibt sich aber auch nicht auf Spurensuche - selbst als sein Sohn sich für seinen unbekannten Großvater interessiert, verweigert sich Walter. Eine gemeinsame Reise in die USA wird zur Katastrophe.

Seine erste Ehe scheitert, seine zweite Frau - Yvonne - ist 20 Jahre jünger, ein Umstand, auf den Walter stolz ist. Das positive Bild, das er zunächst von Yvonne zeichnet, erhält jedoch Kratzer.
Die Zeit, in der Yvonne abwesend ist, gerät zum Desaster. Walter richtet ein heilloses Chaos im Haus an und es entsteht zunehmend der Eindruck, als habe er Erinnerungslücken. Immer wieder wandern seine Gedanken zur seiner Untersuchung - offensichtlich steht er vor einer Prostataoperation - ein Angriff auf seine Männlichkeit. Und es bleibt die Frage, warum er im Bad am Boden liegt, die sich erst ganz am Ende beantwortet.


Bewertung
Der Roman zeichnet das Psychogramm eines älteren Mannes, der sein Leben lang seine Problem verdrängt hat und die jetzt, da er unbeweglich zum Nachdenken gezwungen ist, auf ihn einströmen. Der fehlende Vater, die Ausgrenzung, die Nähe zur Mutter, die Untreue seiner ersten Frau gegenüber, die er völlig verdrängt hat. Empathie ist wahrlich nicht seine Stärke.
Sein Denken wird von Vorurteilen geprägt, von festen Glaubenssätzen, was sein darf und was nicht - Fitness, gut auszusehen im Alter, gehört für ihn unbedingt dazu. Er muss sich immerzu beweisen.
Seine Geilheit ist auch ein Tatsache, die er verdrängt, sie hat ihn in die unglückselige Situation im Bad gebracht, aber er kann natürlich alles erklären.
In seiner Erinnerung taucht immer wieder sein Sohn auf, die Enttäuschung, dass er einen Beruf erlernt hat, der eines Mannes nicht würdig ist. Walter ist wirklich ein Mann vom alten Schlag. Mehrfach waren wir uns in der Diskussionsrunde einig, er sei ein Fossil, einer Generation angehörig, die am Aussterben ist.
Der Gedankenfluss wirkt dabei völlig authentisch, die Figur ist stimmig und glaubwürdig.

Eine sehr interessante Komposition, in der - wie in einem Puzzle - das Lebens dieses gescheiterten und bemitleidenswerten - auch darüber gab es unterschiedliche Ansichten - Mannes Schritt für Schritt zusammengesetzt wird, so dass am Ende eine Gesamtbild vor den Leser*innen ausgebreitet ist.
Was aus Walter wird? Das bleibt offen, zu befürchten ist, dass Yvonne ihren eigenen Weg gehen wird.

Ein Roman, der mit seiner außergewöhnlichen Sprache und der Stimmigkeit der Figur auch den Deutschen Buchpreis verdient hätte.

Sonntag, 5. November 2017

John Banville: Die See

Man Booker Prize 2005

Kleine Leserunde bei whatchareadin

Gebundene Ausgabe, 224 Seiten
Kiepenheuer&Witsch, 15. August 2006


Inhalt
Max Morden kehrt an einen Ort (Ballyless) seiner Kindheit, an "Die See" zurück. Dort hat er immer seine Ferien in einem kleinen Chalet gemeinsam mit seinen Eltern verbracht.

"Wir kamen jeden Sommer im Urlaub hierher, viele Jahre lang, viele Jahre, bis mein Vater uns sitzen ließ und nach England ging, wie Väter es bisweilen taten, damals und eigentlich auch noch heute. Das Chalet war ein klassisches Holzhaus nur in verkleinertem Maßstab." (S.33)

Auslöser für die Rückkehr ist der Tod seiner Frau Anna, die nach schwerer Krankheit von ihm geht und um die er trauert.

Aus der Ich-Perspektive von Max werden in verschiedenen Zeitebenen die Erinnerungen an längst vergangene Ereignisse wach.
Manchmal springt der Ich-Erzähler unvermittelt von der Gegenwart in die Vergangenheit, wobei die Gedanken inhaltlich zusammengehören.
Auch innerhalb dessen, was geschehen ist, erinnert er sich nicht chronologisch. So setzt sich wie ein Puzzle die Vergangenheit - ein Sommer an der See, den Max als Junge erlebt hat -  Schritt für Schritt zusammen, was er als Erzähler selbst kommentiert:

"Und warum sollte ich mich wohl, anders als jeder dahergelaufene Melodramatiker, der Forderung verschließen, dass die Geschichte zum Schluss noch eine ordentlich überraschende Wendung braucht?" (S.196)

Eine große Bedeutung kommt in jenem längst vergangenen Sommer der Familie Grace zu. Bestehend aus den Eltern Carlo und Conny und den Zwillingen: der stumme Myles und die knabenhafte Chloe, sowie der Gouvernante Rose, die in die Villa "Zu den Zedern" einziehen. Ihre gesellschaftliche Stellung, die der Max´ überlegen ist, übt auf ihn eine besondere Faszination aus.

An jenen Ort kehrt auch der Witwer Max zurück.

"Die Villa heißt Zu den Zedern, wie eh und je." (S.9)

Inzwischen ist es eine Pension, geleitet von Miss Vavasour und dauerhaft bewohnt vom alten Colonel Blunden.
Max Tochter Claire begleitet ihn zunächst an die See. Einerseits liebt er sie, andererseits scheint er auch von ihr enttäuscht zu sein, da sie keine zweite Anna ist, und äußert sich abfällig über sie.

Außergewöhnlich gut gelingt es Banville die Atmosphäre, die Präsenz der See erlebbar zu machen, sie ist allgegenwärtig, man schmeckt sie, fühlt den Wind und hört die Wellen.

"An der See besteht alles aus schmalen Waagerechten, die ganze Welt reduziert sich auf ein paar lange, gerade, zwischen Erde und Himmel gezwängte Linien." (S.14)

Und man kann sich in die Gedanken und die erotischen Träume des 11-jährigen Max hineinversetzen, die sich zunächst um Conny Grace drehen, dann aber von der Mutter auf die Tochter übergehen.
Mit Chloe wird er zur eigenständigen Person, entdeckt zum ersten Mal sich selbst.

"Indem sie mich von der Welt loslöste und mich dadurch erkennen ließ, dass ich ein losgelöstes Wesen war, schloss sie mich von dem Gefühl der Immanenz allen Seins aus, von dem Allsein, das mich umfangen hatte, in dem ich bis dahin in mehr oder minder glücklicher Unwissenheit gelebt hatte." (S.142)

Neben diesen Erinnerungen an das, was in dem Sommer geschehen ist, wandern Max´ Gedanken immer wieder zur gemeinsamen Vergangenheit mit Anna. Wie sie sich kennen gelernt haben, ihre Heirat, die Beziehung zu ihrem Vater, wie sie von ihrer Krankheit erfahren haben und zu ihrem Tod und seiner Hilflosigkeit.

"Wir tragen die Toten nur so lange bei uns, bis wir selber sterben, und dann sind wir diejenigen, die eine kleine Weile mit herumgetragen werden, und dann ist es an denen, die uns tragen, selbst umzufallen und so geht es immer weiter, von Generation zu Generation, bis in unvorstellbare Ewigkeiten." (S.100)

Die Identitätssuche des Protagonisten ist meines Erachtens der Mittelpunkt des Romans. Max hinterfragt sein Handeln, reflektiert sein Verhalten und gelangt zu Erkenntnissen über sich selbst.
Den Fragen, wer er sein will, wer er geworden ist und welche Bedeutung Anna und die Ereignisse um Chloe in seinem Leben gespielt haben, nähert er sich langsam an.

"Früher habe ich mich  stets als eine Art Freibeuter gesehen, einen der jedermann mit dem Entermesser zwischen den Zähnen begegnet, aber heute muss ich eingestehen, dass das eine Selbsttäuschung war. Versteckt, beschützt, behütet sein, mehr habe im Grunde nicht gewollt." (S.54)

Bewertung
Über den Charakter des Protagonisten haben wir in der Leserunde am meisten diskutiert. Ist Max sympathisch? Zumindest ist er ein ambivalenter Charakter, der sehr darunter leidet, in eine Gesellschaftsschicht hinein geboren zu sein, in der er sich nicht zugehörig fühlt. Die Bekanntschaft mit den Graces führt ihm vor Augen, was er sein will und wohin er möchte. Insofern ist seine Heirat mit Anna, die aufgrund der illegalen Geschäften ihres Vaters Geld zur Verfügung hat, opportunistisch, andererseits liebt er sie und verzweifelt an ihrem Tod zutiefst.

Letztlich ist die Frage nach der Sympathie zweitrangig. Die Auseinandersetzung mit seinem Leben, die Suche nach Identität, das Rätsel um jene schrecklichen Ereignisse, die an der See geschehen sind, die Beziehung der Figuren zueinander in jenem Sommer, die Schritt für Schritt aufgedeckt werden, erzeugen einen Lese-Sog - trotz der Reflexionen und der Sprünge zwischen und innerhalb der Zeitebenen.
Die außergewöhnliche bilderreiche Sprache lädt dagegen immer wieder dazu ein innezuhalten und über das Gelesene nachzudenken.

Ein besonderer Roman und sicherlich nicht der letzte, den ich von John Banville gelesen habe. Vielen Dank an Literaturhexle, die mich auf die Leserunde aufmerksam gemacht hat und die genau wie ich von der wunderbaren Sprache des Romans angetan ist.

Montag, 30. Oktober 2017

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

Ein perfektes Leben?

Lesen mit Mira


Gebundene Ausgabe, 656 Seiten
Diogenes, 23. August 2017

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mira und ich hatten das Vergnügen den Autor Klaus Cäsar Zehrer während der Frankfurter Buchmesse in einem Interview zu erleben, in dem er über die Idee zu seinem Roman über eines der größten Wunderkinder des letzten Jahrhunderts erzählt hat. Auf einer Liste der 10 intelligentesten Menschen sei ihm der Name William James Sidis zum ersten Mal begegnet. Neugierig geworden, wer sich dahinter verberge, habe er angefangen zu recherchieren. Und letztlich ist "Das Genie" entstanden, ein Roman, der einen Einblick in das Leben des William James Sidis ermöglicht und den Leser*innen selbst überlässt, wie sie das Erziehungsexperiment des Vaters Boris beurteilen.

Klaus Cäsar Zehrer auf der Frankfurter Buchmesse
Worum geht es?

Am 5. Oktober 1886 wandert der junge Ukrainer Boris Sidis in die Vereinigten Staaten von Amerika ein, ein Tag, den er künftig als seinen Geburtstag ansehen will, da für ihn ein neues, freies Leben anfangen soll. Dieses stellt sich zunächst jedoch als sehr mühsam heraus, es gilt Geld zu verdienen, einen Schlafplatz zu finden, Arbeit zu suchen. In der Fabrik, in der er beginnt, unterbreitet er seinem Vorarbeiter Verbesserungsvorschläge.

"Sie betrafen die Arbeitsabläufe in der Fabrik und waren umfassend, punktgenau, kristallklar formuliert und dermaßen einleuchtend, dass er sich nicht erklären konnte, warum er nicht schon längst selbst darauf gekommen war." (S.31)

Gegenüber dem Chef der Firma äußert er die Meinung, dass Bildung das Wichtigste für die Arbeiter und ihre Kinder ist, "damit sie freie und glückliche Menschen werden. " (S.34)

Man kann sich vorstellen, dass Boris Zukunft in der Firma damit beendet ist. Statt dessen bringt er sich in der öffentlichen Bibliothek selbst Englisch bei und gibt Nachhilfestunden. Er ist ein hervorragender Lehrer und versteht es aus seinen Schülern das Bester herauszuholen - ein Umstand, der ihn in seiner Heimat ins Gefängnis gebracht hat.
Durch einen Zufall verschlägt es ihn von New York nach Boston, wo er als Englischlehrer, inzwischen 22 Jahre alt, auch seiner zukünftigen Frau Sarah Mandelbaum begegnet. Sein erstes Experiment beginnt:

"Schon lange hatte er sich gefragt, wie hoch man einen Menschen durch Bildung heben konnte. Anhand dieses Mädchens würde er es herausfinden. Ein Experiment, wenn man so wollte." (S.61)

Es gelingt - so viel sei hier verraten. Trotz bürokratischer Hürden und der Tatsache, dass die Wissenschaften Frauen größtenteils verwehrt waren, studiert Sarah Medizin, macht ihren Doktor und heiratet den ehrgeizigen Boris, der auf die Frage, ob er sie liebe, antwortet:

"Ach je, Liebe. Was soll das sein? Traute Zweisamkeit, Familienidyll, Glück im Winkel...Wenn es mir darum ginge, könnte ich irgendeine nehmen. Aber es geht mir nicht darum, und Sarah ist nicht irgendeine. Was ich vorhabe, geht nur mit ihr. (...) Ich brauche sie." (S.100)

Boris ist kein sympatischer, liebenswerter Mensch - im Gegenteil, ihm geht es bei darum, zu beweisen, dass seine Erziehungs- und Lehrmethoden die besten sind. Ein Schlüsselerlebnis hat er, als er erlebt, wie Sarah in einer Show hypnotisiert wird. Fortan beschäftigt er sich mit Psychologie und beginnt in Harvard zu studieren, wo ihn Professor William James unter seine Fittiche nimmt.
Seine Forschungen beschäftigen sich mit dem "Subwaking Self".

"Du musst dir das so vorstellen: Du hast nicht nur eine Persönlichkeit, sondern zwei. Zum einen bist du die Sarah, die hier an diesem Tisch sitzt und isst und mir zuhört und so weiter. Du denkst, das bist du, und das stimmt auch, aber nur zum Teil. Weil, es gibt eben auch noch dein zweites Selbst. Du kannst es nicht sehen, noch nicht mal bemerken, aber es ist trotzdem immer in dir." (S.131)

"Meine Vermutung lautet, dass unser Gehirn zu wesentlich größeren intellektuellen Leistungen imstande ist, als wir gemeinhin annehmen. Nur ein kleiner Teil seines Potentials ist leicht zu aktivieren. Mit dem gewaltigen Rest verhält es sich wie bis vor kurzem mit dem Unterbewusstsein, wir wissen, das da etwas sein muss, aber wir haben noch keinen Zugang dorthin." (S.213)

Die erste Person, bei der Boris an dieses Potential herankommen will, ist sein Sohn William James Sidis, Billy genannt, der vom Tag seiner Geburt, dem 1.April 1898, lernen muss. Das Ziel Boris ist es, ein Genie aus ihm zu machen. Ein Experiment, das mit jedem Kind gelingen sollte.
Seine Eltern sprechen keine "Kindersprache" mit Billy, sondern mehrere Fremdsprachen, keine Lieder erreichen seine Ohren, statt dessen Farben, Formen, Bilder mit den entsprechenden Begriffen dazu.

Und die Methode scheint erfolgreich, denn mit zwei Jahren kann Billy lesen und hohe Erwartungen werden an ihn gestellt:

"William, du bist meine Hoffnung. Ich gebe alles, damit du nichts so wirst wie die anderen, so kleingeistig, denkfaul, niederträchtig und blutrünstig. Ich wünsche mir, dass man eines Tages in der New York Times nicht lesen wird, wie viele Menschen wieder irgendwo sinnlos gestorben sind, sondern was der große Gelehrte William James Sidis herausgefunden hat." (S.179)

Es ist ein weiter, steiniger Weg, bis die New York Times tatsächlich über den 39-jährigen William James Sidis schreibt. Ob aus dem Wunderjungen tatsächlich ein Gelehrter wird? Einer, auf den Boris stolz wäre?

Bewertung
Ein faszinierender Roman über ein erstaunliches Erziehungsexperiment, in dem ohne Zweifel ein hoch intelligentes Kind herangezogen wird, das 40 Sprachen beherrscht, früh lesen kann, ein außergewöhnliches mathematisches Talent besitzt und logisch argumentieren kann.
Aber auch ein Kind, das zunächst genau wie sein Vater unsympathisch erscheint - zwei "Flegel", die sich weder an gesellschaftliche Konventionen halten noch bereit sind, empathisch ihren Mitmenschen zu begegnen. Boris wird zunehmend zu einem rechthaberischen Patriarch, der gegen Freud vorgeht - in beleidigender Art und Weise, wie sie einem Wissenschaftler nicht geziemt. Sarah dagegen ist eine unbarmherzige Mutter, die William kurzerhand das Geld streicht, wenn er keine Erfolge vorweisen kann.
Bis zur Pubertät wird Billy regelrecht von seinem Vater vorgeführt, muss ständig sein Genie unter Beweis stellen, wie ein abgerichteter Hund - so mein Eindruck. Und wird gleichzeitig von den anderen Kindern gemieden und ausgegrenzt, da er sich nicht kindgemäß verhält.

Im Verlauf der Handlung empfindet man immer stärker Mitleid mit diesem Jungen, der permanent ein Außenseiter bleibt, da er wesentlich jünger als seine Mitschüler und Mitstudenten ist und nie gelernt hat, sich in einer sozialen Gemeinschaft zu bewegen. Seine motorischen Fähigkeiten lässt Boris interessanterweise außer Acht, mit der Begründung "Leibeserziehung sei ein Synonym für Zeitvergeudung." (S.240)
Ein Umstand, der es Billy noch weniger ermöglicht, ein "normales" Leben zu führen, statt dessen wird er zeitlebens ein Sonderling bleiben, ein lebendes Objekt, das beweisen soll, ob die Methode seines Vaters sich bewährt hat.
Die Pubertät verändert ihn und sein erklärtes Ziel ist es nun, ein perfektes Leben führen zu wollen mit strikten Regeln und Prinzipien, von denen er (fast) nie abweicht. Ein Leben jenseits der Öffentlichkeit und letztlich jenseits der Gesellschaft. Ob ihm das gelingen kann?

Scheitert die Methode?
Obwohl Zehrer betont, die Leser*innen sollen selbst urteilen, gibt er meines Erachtens im Roman die Antworten darauf.

"Am 12. Februar 1910 (...) wurde seine Schwester Helena geboren. Zu gerne hätten ihre Eltern sie nach der bewährten Sidis-Methode zum Genie erzogen, aber sie konnten den Aufwand unmöglich ein zweites Mal leisten." (S.316)

William selbst reflektiert darüber, ob die Welt wirklich besser wäre, hätte sich die Methode seines Vaters durchgesetzt. Und William weiß, dass die Methode gescheitert ist:

nicht an ihm, William, und auch nicht an den Freudianern, sondern einzig und allein an mangelnder Liebe. Denn Liebe war die Lösung. Was wäre geschehen, hätte Boris das rechtzeitig erkannt." (S.490)

William spricht genau jenen Punkt an, der mir beim Erziehen das meiste Unbehagen verursacht hat. Das Fehlen einer liebevollen Beziehung zwischen den Eltern und dem kleinen Billy. Die Erziehung zu einem empathischen und sozialen Wesen gehört neben der geistigen Förderung dazu. Ob letzteres im Elternhaus oder in den Schulen manchmal zu kurz kommt, darüber kann man sicherlich streiten.

Scheitert das perfekte Leben?
William bleibt ein Außenseiter. Seine Ideen über die perfekte Gesellschaft sind interessant, eine Utopie, die in der Realität und vor allem nicht im kapitalistischen Amerika umzusetzen sind. Sein unbedingter Pazifismus ist bewundernswert, er ist nicht bereit, seine mathematische Begabung in den Dienst des Militärs zu stellen. Und doch "verrennt" er sich in eine Idee, die ich nicht verraten will, und letztlich gelingt ihm nicht, so zu leben, wie er sich vorstellt. Er hat nie gelernt ein soziales Wesen zu sein, was sich auch in seinem Äußeren niederschlägt, und kann daher mit seinen Vorstellungen nur wenige Menschen erreichen. Eigentlich ein tragisches Schicksal!

Ein besonderer historischer Roman, über den man noch viele Seiten schreiben könnte.
Klare Lese-Empfehlung!

Und hier geht es zu Miras sehr ausführlicher Rezension, die sich intensiv mit der Erziehungsmethode befasst hat.

Sonntag, 22. Oktober 2017

Jonas Lüscher: Kraft

"Why whatever is, is right and why we still can improve it?"

Kleine Leserunde auf whatchareadin


Gebundene Ausgabe, 240 Seiten
Büchergilde Gutenberg, 9.Oktober 2017


Worum geht es?
18 Minuten hat der Rhetorikprofessor Richard Kraft aus Tübingen Zeit, die Frage zu beantworten, warum alles, was ist, gut sei.
Theodicy and Technodicy: Optimism für a Young Millenium

Eine Preisfrage, die eine Million Dollar wert ist, ausgeschrieben vom Entrepreneur Tobias Erkner, dessen Visionen Krafts rhetorischen Verstand sprengt.

"Scheinbar mühelos und mit bestechender Selbstverständlichkeit gelang es dem Gründer des Amazing Future Fund augenscheinlich, Widersprüchliches, offensichtlich Falsches und klar erkennbar nicht Zusammengehörendes in einen gänzlich logisch wirkenden Zusammenhang zu bringen. Was Kraft am meisten verstörte, war das völlige Fehlen jeglicher emphatischer Rhetorik."" (S.8)

Eingeladen hat ihn sein Freund Ivan, den er 1981 in Berlin kennen gelernt hat und mit dem er seit dieser Zeit in regelmäßigen Abständen korrespondiert.
Ivan, ein ungarischer "Flüchtling", lebt inzwischen in Kalifornien als philosophischer Verteidiger des Kalten Krieges.
Seinen Arbeitsplatz hat Kraft dementsprechend in den Räumen an der Hoover Institution on War, Revolution and Peace.
Doch er findet keinen Anfang und Ansatz, zu beweisen, dass alles gut ist, was ist. Das hat mehrere Gründe, wie uns der auktoriale Erzähler nahe legt:

"1. Die Schwierigkeit der Aufgabe selbst
2. Krafts Unvermögen, mit der Zeitverschiebung umzugehen
3. Krafts familiäre Situation
4. Krafts finanzielle Situation
5. Die existenzielle Notwendigkeit, die Jury zu beeindrucken, die sich aus drittens und viertens ergibt
6. Krafts Herberge [das Mädchenzimmer von Ivans Tochter]
7. Die ständige Saugerei [die von einem Staubsauger einer Reinigungskraft herrührt]" (S.16)

Kraft in zweiter Ehe mit der Unternehmensberaterin Heike verheiratet und Vater von Zwillingen muss erkennen, dass auch seine 2.Ehe vor dem Aus steht. Gewönne er die eine Million, könne er sich aus den finanziellen Verpflichtungen der ersten Ehe befreien und auch eine zweite Scheidung bezahlen.

Im Rückblick wird erzählt, wie er seine erste Liebe Ruth kennen gelernt hat, die ihm seinen Sohn sechs Jahre vorenthalten hat. Eine Liebe, die auf einem Verrat aufgebaut ist, hat doch jene Ruth seinen besten Freund Ivan mit einer Gerbera am Auge verletzt. Die immer wieder aufkommende Komik, die einigen Szenen innewohnt und in den Erzählerkommentaren durchbricht, verleihen dem philosophisch teilweise anspruchsvollen Roman Leichtigkeit und sorgen für entspannende Lesepassagen. Sehr skurril gestaltet sich auch das Wiedersehen zwischen Ruth, Richard Kraft und Ivan.

Kraft in seiner Verzweiflung zu begleiten, wie er um die Frage kreist, warum seine große Liebe Johanna ihn vor Jahren Richtung San Francisco verlassen hat, und wie es ihm trotz seiner Intelligenz nicht gelingt, eine optimistische Sicht einzunehmen, um die Preisfrage im Sinne Erkners zu beantworten, ist interessant und auch spannend. Doch bleiben die Leser*innen auf Distanz, dafür sorgt der Erzähler, der selbst immer wieder das Handeln und die Gedanken Krafts kommentiert.

Symbolisch ist Krafts Ausflug auf dem Fluss Corkscrew Slough auf einem Boot - eine komische Szene, die seine Verzweiflung sehr deutlich zum Ausdruck bringt und den Druck, unter dem er steht, greifbar macht.

"Geh, gewinne, bring uns das Geld nach Hause, damit wir alle wieder unsere Freiheit haben, hört Kraft Heike sagen, und dabei muss er an ihren Hallux denken. Nein, dafür müssen wir nun wirklich Verständnis haben, gerad angesichts der schieren Größe der Aufgabe." (S.68)

Der Roman erzählt aber nicht nur von den gescheiterten Ehen, der existentiellen Not und dem Verlust Johannas, sondern nimmt uns auch mit auf eine politische Zeitreise in die 80er Jahre der BRD.
Kraft und Ivan sind Zeugen des Misstrauensvotums gegen Helmut Schmidt, beide
"Verfechter einer ultraliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik nach angelsächsischem Vorbild" (S.79)
müssen sie schmerzlich erkennen, dass nicht Helmut Kohl die erhoffte geistig-moralische Wende vollzieht.

Kraft - überzeugter Kapitalist - gerät auf dem Campus in ein Gespräch zweier Absolventen der Stanford Business School, von denen einer ein Getränk zu sich nimmt, das alle notwendigen Nährstoffe enthält - ein flüssiges Nahrungsmittelsubstitut. Man erspare sich das Einkaufen, das Zubereiten von Essen, indem man die genau Menge des errechneten Energiebedarfs aufnehme, erläutert der junge Mann enthusiastisch. Kraft ist entsetzt.

"Am meisten beunruhigt ihn aber die Einsicht, dass hinter diesem Prozess der Quantifizierung der Wunsch nach einer Ökonomisierung durch Rationalisierung steckt." (S.102)

Kapitalismus pur - genau das, was Kraft sein Leben lang verteidigt hat und was ihn jetzt in der Realität abschreckt. Kein Wunder, dass er sich der Preisfrage nicht stellen kann - zu viele Zweifel, Pessimismus, Kulturkritik - eben keine Kraft. Er muss Johanna besuchen, davon erhofft er sich den entsprechenden optimistischen Schub.

Am Ende scheint er der Lösung nahe und vielleicht findet er eine entsprechende Begründung dafür, warum alles gut ist.

Bewertung
Ein starkes Buch, das in jeglicher Hinsicht zum Nachdenken einlädt. Über Liberalismus, Kapitalismus, über das Übel in der Welt und bemitleidenswerte Figuren bereit hält, die ihren eigenen Lebensansprüchen nicht gerecht werden.
Die Argumentation des Fortschrittsoptimisten Erkners hat mich sehr an den Roman "Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen" erinnert, in dem die Weltverbesserer und ihr zwangsläufiges Scheitern ebenso intelligent vorgeführt werden.

Ivan - der angebliche Dissident, dessen Biografie fast an der Wende zerbricht, der sich dann aber wieder retten kann, ist eine komisch-tragische Figur, ebenso wie
Kraft mit seinen gescheiterten Liebesbeziehungen, der sich zeitlebens mit der Frage beschäftigt, ob er ein Igel - ein Pessimist - oder ein Fuchs - ein Optimist- sei und doch letzteres so gerne wäre. Der in seiner existentiellen Not zu ersticken droht, ein Anti-Held, der keinen Ausweg mehr sehen kann.

Intelligent, anspruchsvoll, komisch und mit sprachlichen Formulierungen, die laut Literaturhexle "zum Niederknien sind" ;)

Montag, 16. Oktober 2017

Isabella Archan: Helene geht baden

- ein rabenschwarzer Krimi.

Taschenbuch, 300 Seiten
Conte Verlag, 1.September 2014

Krimi und Komik - geht das? Isabella Archan verbindet geschickt einen spannenden Kriminalfall, in der ein schreckliches und grausames Verbrechen begangen wird, mit komischen Elementen und außergewöhnlichen Erzählperspektiven, die die Tat erträglich machen. Eine Kostprobe - der Beginn:

"Sie sitzt auf einem Ast und versucht, mit Hilfe ihrer Gedanken den dünnen Zweig zu bewegen. Tatsächlich wippen die Blätter leicht auf und ab. Das könnte natürlich auch am Wind liegen. Moni ist zwar tot, aber nicht blöd." (S.11)

Worum geht es?
Moni ist ermordert worden und ihre Seele beobachtet, wie ein Jogger ihre übel zugerichtete Leiche findet. Auf ihrem Bauch finden sich Schnitte, die wie ein Jägerzaun aussehen. Gestorben ist sie am Blutverlust, gequält wurde sie nicht am Ufer des kleinen Sees im Park, an dem sie gefunden wird, sondern in ihrer Wohnung.

Die Ermittlungen übernehmen Peter Kraus, Spitzname: alter Rocker, und die junge Kommissarin Willa Stark - gebürtig aus Graz, das Fräulein Ösi. Dort löste sie einen spektakulären Fall, der auch europaweit Interesse erzeugt hat. Die Publicity nahm man der jungen Kriminalinspektorin übel und sie wird zur Außenseiterin. Deshalb hat sie das Angebot Interpols angenommen an einem länderübergreifenden Entführungsfall mitzuhelfen. Und ist in Köln gestrandet und geblieben, wo sie beginnt, sich heimisch zu fühlen. In dem Gerichtsmediziner Harro deNärtens hat sie einen guten Freund gefunden. Trotz zahlreicher Spuren kann der Fall Moni nicht gelöst werden...

Die zweite Protagonistin ist die junge Helene, die Baden über alles liebt und sich dieser Wonne fast täglich hingibt, beobachtet vom Rentner Fritz, der sein einsames Dasein mit Spannen fristet.
An einem Abend beobachtet er Schreckliches gegenüber und verhindert einen weiteren Todesfall. Das, was er sieht, verändert Helenes und sein Leben nachhaltig und beschert Willa neue Ermittlungen, da der Fall dem Monis gleicht. Wird es der jungen Grazerin, deren Onkel Willi vor Jahren einen Mord im Affekt begangen hat, gelingen den mysteriösen Messermann zu finden?

Bewertung
Die außergewöhnliche Erzählperspektive zu Beginn des Kriminalromans hat mich neugierig gemacht und das grausame Verbrechen aus der Sicht der unbeteiligten "Seele", die ganz neutral und schmerzfrei ihren Körper betrachtet, ist so distanziert dargestellt, dass auch zart Besaitete es gut ertragen können. Die Außenperspektive tritt mehrfach im Roman auf - mit dem gleichen Effekt.
Die ehrgeizige Ermittlerin Willa Stark, eine fast klassische Einzelgängerin, ist sehr sympathisch und erfrischend. Das Team bleibt blasser, außer der Gerichtsmediziner, aber im Mittelpunkt soll neben dem Opfer die Grazerin stehen.
Die Handlungsweise Helenes nach dem Überfall ist schwer nachzuvollziehen, als langjährige Krimileserin und Tatort-Liebhaberin aber nicht unwahrscheinlich. Psychologisch lässt sich das "unvernünftige" Handeln sicherlich erklären.
Die Motive des Täters werden nur angedeutet, doch auch er bleibt als Figur glaubhaft. Das Ende ist spannend und gut konzipiert - dramaturgisch gut umgesetzt.

Eine klare Lese-Empfehlung!