Mittwoch, 19. April 2017

Hanna Lindberg: Stockholm Secrets

Der erste Fall für Solveig Berg.

Taschenbuch, 410 Seiten
Goldmann, 19. Dezember 2016

Inhalt
Die junge, aufstrebende Journalistin Solveig Berg hat nach einem kapitalen Fehler ihren Job bei einer der größten Nachrichtensites Newsfeed24 verloren. Um in die Branche zurückzufinden, unterhält sie einen Blog Sthlm Secrets - bisher ohne größeren Erfolg. Durch einen Zufall ist sie jedoch am Ort eines Verbrechens. Das bekannte Model Jennifer Leone wird tot aus dem Hafenbecken gezogen, nachdem sie mit mehreren anderen Models, dem Fotografen der Männerzeitschrift Glam Magazine, Lennie Lee, und dessen Freundin Marika Glans und auch Solveig selbst im Café Opera gefeiert hat. Kurz vor ihrem Tod hatte sie ein Streitgespräch mit Lennie, mit dem sie seit Jahren eine Affäre unterhält, der jedoch nicht bereit ist, sich von Marika zu trennen.
Solveig verlässt mit einem Freund Lennies, dem Psychologen Dan Iren (derjenige, bei dem ihr der Fehler unterlaufen ist) das Café Opera und ist daher unmittelbar vor Ort, als das Model gefunden wird. Sie beschließt der Sache auf den Grund zu gehen.
Abwechselnd wird aus der Sicht Solveigs und Lennies das Geschehen vorangetrieben. Lennie, dessen Magazin kurz vor dem Aus steht, wird von einem ehemaligen Kriminellen, der sich geläutert gibt und inzwischen Unternehmer ist - Jakob Adler - angeheuert, dessen 40. Geburtstag im großen Stil zu organisieren. Lennie wittert seine Chance, sich zu rehabilitieren und neu anzufangen, wenn da nicht die Leiche seines Partners Carlos Palm im Studio liegen würde. Was tun?
Jakob Adler wiederum hat einen persönlichen Assistenten, den Esten Kalju, der sich in Solveig verliebt. Die Verwicklungen klingen komplizierter, als es im Krimi zu lesen ist, schließlich gelingt es Solveig mehr oder weniger den Fall auf dem glamourösen Geburtstagsfest zu lösen. Wenn auch das Ende offen bleibt, schließlich ist dies der Auftakt einer Reihe...

Bewertung
Der Krimi ist in kurze Kapitel, die jeweils mit Datum und Tageszeit überschrieben ist, gegliedert und wird aus unterschiedlichen personalen Perspektiven erzählt - aus Solveigs, Lennies und Kajuls Sicht.
Allerdings bleiben die Figuren oberflächlich und flach. Wir erfahren nur wenig über ihren Hintergrund, ihre Herkunft oder das, was sie wirklich bewegt. Lennie erscheint als "geiler" Macho, der eine sadistische Neigung hat und Frauen lediglich als Objekte ansieht. Darüber hinaus ist er egozentrisch und will vor allem seine eigene Haut retten - ein unsympathischer Mensch auf der ganzen Linie.
Dagegen ist Kajul schwieriger einzuschätzen, vom Vater misshandelt, war Jakob Adler sein Retter, dem er zum Dank verpflichtet ist, obwohl er dessen kriminielle Machenschaften zunehmend ablehnt. Indem er sich in Solveig verliebt, scheint eine Wende seiner Person in den folgenden Bänden angelegt zu sein.
Das größte Problem für mich ist jedoch die Figur Solveig, die in meinen Augen völlig naiv, unbedarft, fast schon kindlich handelt. Als Ermittlerin eine Katastrophe, da hat die schwedische Kriminalliteratur Besseres zu bieten. Ihr fehlt sowohl die Tiefe und Melancholie eines Wallanders oder der Biss einer Annika Bentzon, die sich in einer von Männern dominierten Welt durchbeißen muss und mit ihren Ecken und Kanten eine interessante Figur bietet.
Insgesamt ist die Handlung von der Fabel her spannend, dramatisch zum Ende hin, aber die Figuren bleiben blass und unsympathisch. Zu Gute halten kann man dem Krimi, dass er einen guten Einblick in die Wirkung der Sozialen Medien und die Abhängigkeit von Likes und Teilen zeigt.
Trotzdem bleibe ich dabei, Schweden hat bessere und psychologisch interessantere Krimis, die vielleicht weniger Action, aber dafür mehr Tiefgang bieten.


Sonntag, 16. April 2017

Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

- ein spannender und poetischer Kriminalroman.

Gebundene Ausgabe, 400 Seiten
Blessing, 26.September 2016



Das Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt.


Inhalt
"Jetzt" lautet die Überschrift des 1.Kapitels, jetzt schaut sich ein alter Mann ein Schwarz-Weiß-Foto an, auf dem eine tote Frau im Schnee liegt.

"Die Haare der Frau sind schwarz, die Kleidung grau, der Schnee weiß. Nur nicht neben ihrer Schulter, da ist der Schnee schwarz. Schwarz von Blut." (S.5)

Dann springt die Handlung zurück: "VOR SECHS TAGEN Sonntag"

"Ich sehe einen großen Vogel. Er wird dich nach Hause bringen an deinem achtzigsten Geburtstag." (S.7)

Eine Prophezeiung, die der Ich-Erzähler vor vierzig Jahren von einer Indianerin erhalten hat. Seine Frau Rosalind, leidenschaftliche Anhängerin der Indianerkultur hat ihn dorthin geschleppt. Inzwischen ist sie tot, vor 12 Jahren gestorben. Schatten liegen über diesem Tod, dessen Ursache erst ganz am Ende vollständig aufgedeckt wird.
Der alte Mann sitzt im Flugzeug und denkt an jenes kuriose Ereignis zurück, er ist auf dem Weg von den Vereinigten Staaten von Amerika nach Innsbruck, um dem Geheimnis Max Schreibers auf die Spur zu kommen.

Der Historiker Max Schreiber reiste im Jahr 1950 in ein abgelegenes Bergdorf, um dort für ein Buchprojekt zu recherchieren und verschwand spurlos im legendären Lawinenwinter, zugleich wurde er des Mordes bezichtigt. Mehr erfährt man zunächst nicht.

Montags - VOR FÜNF TAGEN - macht sich der Ich-Erzähler, der alte Mann, auf den Weg ins Landesarchiv. Eine junge blonde Frau weist ihm - Mr.Miller - einen Platz im Lesesaal zu und überreicht ihm seine Unterlagen: Polizeiakten, die jedoch wegen eines Brandes im Polizeiarchiv nur unvollständig erhalten sind, sowie ein in Leder gebundenes Buch, das Manuskript Schreibers, angefertigt in jenem Winter 1950/51.

Bevor er beginnt zu lesen, erinnert ihn der Geruch der Bücher an das gemeinsame Antiquariat, das er mit Rosalind lange Zeit geführt hat und an seine Faszination für Lawinen und Lawinenkatastrophen. Fast wäre er während eines Urlaubs in den Rocky Mountains selbst Opfer einer solchen geworden.

Der erste Teil des Skripts trägt den Titel "Der Schnee", indem Max Schreiber seine Ankunft im Dorf beschreibt. Noch ist es Herbst und der Schnee weit weg. Das Manuskript ist in der Er-Form aus der personalen Perspektive verfasst, erst im letzten Teil "Der Tod" wird sich dies ändern...


Schreiber, der alles in Wien zurückgelassen hat - auch eine gescheiterte Beziehung, hat Anlaufschwierigkeiten im Dorf, dessen verschworene Gemeinschaft keine Fremden duldet.

"Die ersten Tage sah man Schreiber oft bei Spaziergängen durch das Dorf, er folgte den Wegen in die umliegenden Wälder, überquerte die abgeweideten Wiesen, begegnete den Bauern, den Kindern, begegnete neugierigen Blicken, freundlichen Blicken, misstrauischen Blicken. Er versuchte hie und da mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, aber es schien eine seltsame Befangenheit ihm gegenüber zu herrschen, und das Gespräch auf die Arbeit der Bauern zu lenken wagte Schreiber nicht." (S.36)

Als er in der Gaststube zum ersten Mal vom Grund seines Aufenthaltes erzählt, ändert sich die Stimmung. Er erwähnt den Namen Katharina Schwarzmann, in alten Zeitungen hat er von ihrem Fall, der letzten "Hexenverbrennung" gelesen. Sie galt im Dorf als Hexe und verbrannte 1856 lebendig in ihrem Haus, alle schauten zu und verweigerten ihr die Flucht nach draußen.

"Schreiber hatte den Namen leise ausgesprochen, aber er hatte das Gefühl, als würden diese beiden Worte bis in die hintersten Winkel des Raumes dröhnen." (S.57)

Einer der Beteiligten vertraute sich kurz von seinem Tod dem hiesigen Pfarrer an, der Max Schreiber die Geschichte  erzählt - verbunden mit der Bitte, niemanden damit zu behelligen, es werde nur Unruhe im Dorf geben, in dem man an den bösen Blick und an die Aussagen der Gertraudi glaubt. Einer Frau, die die Toten sieht, bevor sie sterben. Ein Dorf, in dem der Aberglaube und die Magie noch heimisch sind, in dem selbst der Pfarrer sich den alten Bräuchen unterwirft.

Dann kommt der Schnee und auf einem seiner Spaziergänge begegnet Schreiber der stummen Maria mit ihrem roten Tuch, die außerhalb des Dorfes auf dem Lanerhof lebt. Inzwischen ist das Dorf eingeschneit und Schreiber hilft die Wege und Straßen vom Schnee zu befreien. Das gemeinsame Arbeiten macht ihn zum Teil der Gemeinschaft und plötzlich weiß er, worüber er schreiben will.

"Der Gedanke, sich selbst und seinen Aufenthalt auf dem Berg zum Inhalt seines Schreibens zu machen, packte Schreiber mit einer ungeheuren Wucht." (S.117)

VOR VIER TAGEN- erinnert sich der alte Mann an Rosalinds letzte Begegnung mit ihrem Vater, der ihr offenbart, nicht ihr Vater zu sein. Ein Schatten liegt auf dieser Erinnerung, mit der ihre Welt zusammengebrochen ist, und der Ich-Erzähler deutet an, dass es eine weitere Enttäuschung in ihrem Leben geben wird.

Der 2.Teil des Manuskript, "Das Feuer" beginnt mit der Beerdigung des alten Kühbauers, der unter mysteriösen Umständen in seiner Scheune gestorben ist. Doch es ist Winter, Schnee liegt, kein Polizist aus dem Tal wird eine Untersuchung der Todesumstände durchführen können. Begraben werden kann der Alte wegen des eisigen Bodens nicht, so wird der Sarg in der Scheune der Kühbauers aufgestellt. Schreibers Akzeptanz im Dorf ist gestiegen und auf einem seiner Spaziergänge trifft erneut auf die stumme Maria, die ihn nach einem Sturz behutsam verarztet.
Währenddessen freundet sich mit Georg Kühbauer an, ausgerechnet mit dem Mann, der das Vertrauen der stummen Maria gewinnen will und im Außenseiter Schreiber einen Verbündeten zu finden glaubt, der ihm helfen könne, denn im Dorf wird er für seine Liebe verspottet.
Trotz der schwierigen Situation und Schreibers innerem Konflikt - dem Wunsch nach Akzeptanz und Eifersucht - will er bleiben. Ein Ausflug mit dem Ortsvorsteher Brückner ins Tal hinein führt ihm dies vor Augen - er bleibt wegen wegen Maria, wegen seiner Geschichte.
Und so verrät er seinen Freund und wird am Heiligen Abend zum Schatten, wird entdeckt und ein Feuer führt zur Katastrophe...

VOR DREI TAGEN erinnert sich auch der alte Mann an ein Feuer, ein Feuer in seinem Haus, bei dem seine Frau Rosalind umgekommen ist.

"Die Schuld"
Nach dem Feuer wendet sich die Stimmung gegen Schreiber und während er sich Maria annähert, erfährt er vom Pfarrer, warum die Menschen ihn meiden. Er erzählt ihm auch die Geschichte der jungen, stummen Frau und warnt Schreiber davor, im Dorf zu bleiben, genau wie der blinde Seiler, der ihm eine Geschichte über eine unmögliche Liebe erzählt.

"Meine Welt ist nicht deine Welt, es ist immer nur die Grenze von deiner Welt und die Grenze von meiner Welt, an der wir uns kurz treffen können, ahnen können, mehr ist nicht für dich und für mich." (S.279)

Doch es ist zu spät, ins Tal zurückzukehren.

"Langsam baut der Winter an seiner Vorherrschaft, Zentimeter für Zentimeter, Meter für Meter, das Dorf und das Tal im Blick." (S.277)

VOR ZWEI TAGEN setzt sich auch der Ich-Erzähler mit seiner Liebe und dem Verrat, den er an ihr begangen hat, auseinander.

Im letzten Teil "Der Tod" pferchen die abgehenden Lawinen die Bewohner des Dorfes auf engstem Raum in der Kirche zusammen und es kommt zu jenem Mord, für den Schreiber gesucht und niemals gefunden wurde. Und aus dem Er - Max Schreiber, wird Ich, der Historiker Max Schreiber, die Unmittelbarkeit erzeugt eine intensive Spannung am Ende des Manuskripts.

Noch bleibt ein Tag vor dem Jetzt und die Frage, wer der alte Mann wirklich ist.

Bewertung
Ein meisterhaft komponierter Roman, der neben der sich steigernden Spannung durch seine wunderbare Sprache fasziniert, die die jeweilige Stimmung Max Schreibers und des Ich-Erzählers so widerspiegelt, dass man als Leser/in ins Geschehen hinein gezogen wird. Wenn Max Schreiber von der "kalten Hand" erzählt, die sich auf seine Brust legt, als er von einer Lawine verschüttet wird, habe ich die Luft angehalten. Wenn er seine Begegnungen mit Maria schildert, scheint der Zauber dieser greifbar zu sein.
Jäger setzt so virtuos Satzbau, Wiederholungen und ungewöhnliche Bilder ein, dass die verdichtete Sprache fast schon lyrisch wirkt. Manche Sätze habe ich mehrfach gelesen, nur um herauszufinden, warum sie solch eine Wirkung erzeugen.

"Er hatte lange nicht daran gedacht, an diesen ersten Abend, an dem alles noch so leicht schien, so klar, als sie beide noch nicht vom Alltag eingeholt waren, vom täglichen Aufstehen, Arbeiten, von dieser immer mehr und mehr sich einschleichenden Schwere, diese Bahnen, die sich wie Schienenstränge durch das Leben zu ziehen begannen, einhergingen mit Ernüchterung, mit Gewohnheit, mit Fantasielosigkeit und geschlossenen Fenstern bei Regenwetter." (S.50)

- Schreibers Gedanken zu seiner gescheiterten Beziehung.

Auf der Rückumschlagseite ist von einem "sprachgewaltigen" Roman die Rede, ein inflationärer Begriff, der in diesem Fall jedoch in jeglicher Hinsicht zutrifft.

Daneben überzeugt aber auch die Geschichte: die Beschreibung der geschlossenen Gesellschaft des Dorfes, mit seinem Aberglauben, den eigenen Gesetzen und der Diskriminierung der Auswärtigen - ein sehr aktuelles Thema. Schreiber hat kaum eine Chance, darf sich keinen Fehler erlauben, zu misstrauisch sind die Einheimischen gegenüber dem Fremden, der in alten Geschichten und Wunden rührt. Faszinierend auch die Beschreibung der Naturgewalt, der der Mensch nichts entgegenzusetzen hat. Die Lawinen offenbaren die Hilf - und Machtlosigkeit angesichts einer entfesselten Natur, die die Gefühle der Bewohner widerspiegelt, die den Fremden des Mordes bezichtigen, bevor sie einen aus ihrer Mitte ins Auge fassen.

Mich hat der Roman auf ganzer Linie überzeugt, Story, Komposition und Sprache und ich hoffe, der Autor wird weitere folgen lassen.



Dienstag, 11. April 2017

Annette Hennig: Floras Traum von rotem Orleander

- eine traditionell erzählte Familiengeschichte.

Taschenbuchausgabe, 350 Seiten
Tinte&Feder, 14.März 2017

Ich danke der Autorin für das Leseexemplar.

Inhalt
Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen, im Jahr 1990, der Zeit der Wiedervereinigung, und im Zeitraum 1939-1945 vorwiegend auf der Insel Rügen.

Im Prolog erkennt eine ältere Dame, Martha, eine der beiden Trauergäste, die vor einem offenen Grab stehen: Flora von Langenberg, an die sie keine guten Erinnerungen hegt und der sie sich nicht zu erkennen geben will.

Im Jahr 1939 arbeitet jene Flora, als älteste von 6 Mädchen in einer Pension, fühlt sich aber zu Höherem berufen. Sie will ihr Leben nicht wie ihre Eltern, ihr Vater ist Fischer, in Armut und Not verbringen. Nach ihrer Kündigung bemüht sie sich deshalb um eine Anstellung im Haus der Gräfin Isolde von Langenberg (!), die einen reichen, aber wenig attraktiven Erben, Heinrich, aufweisen kann. Mit Charme und Tücke gelingt es ihr, eine Anstellung als Zimmermädchen zu erhalten. Von der Hausherrin schikaniert, die die Absichten des jungen Mädchens durchschaut, und vom Hausherren vergöttert, erreicht sie unvermeidlich über einige Umwege ihr Ziel: Sie wird Gräfin Flora von Langenberg. Ihr skrupelloses Vorgehen, ihre herrische Art mit den Angestellten umzugehen und die Verachtung, die sie für ihren Mann hegt, sowie der wenig liebevolle Umgang mit ihrer neu geborenen Tochter lassen Flora zunehmend unsympathisch wirken. Martha, jene ältere Frau auf dem Friedhof, ist das Kindermädchen der kleinen Viola und offenkundig in den Hausherren verliebt.
Während des Krieges übernimmt Flora die Geschäfte ihrer Schwiegermutter, die mehrere Gärtnereien betreibt, und zunächst kann sie ihren Mann vor dem Kriegsdienst bewahren, indem sie mit den Nazis kooperiert. Der fesche Major Hagedorn spielt dabei keine unerhebliche Rolle...

In dem Handlungsstrang der Gegenwart (1990), der zwischen die Episoden der Vergangenheit geschoben ist, lebt Viola mit ihrem Mann Maurice in Marseille und Schritt für Schritt offenbart sich, dass sie ihr Elternhaus überstürzt und im Streit verlassen hat und mit Maurice durchgebrannt ist. Sie hat keinen Kontakt mehr mit ihren Eltern und zudem wissen die beiden nichts über den Verbleib ihrer ersten gemeinsamen Tochter Lilly, die weggegeben wurde. Von wem, das offenbart sich erst am Ende des Romans. Der Tod ihres Vaters veranlasst Viola dem Trauma ihres Lebens, dem Verlust ihrer Tochter, endlich auf den Grund zu gehen. So sucht sie ihr ehemaliges Kindermädchen Martha in Rügen auf und gemeinsam bemühen sie sich Licht in die Vergangenheit zu bringen, die einige Familiengeheimnisse verbirgt.
Der Roman endet, ohne dass die Handlung abgeschlossen ist, da noch zwei weitere Bände der Trilogie Blütenträume folgen.

Bewertung

Der Roman wurde mir als Rezensionsexemplar von der Autorin, die ich aus einer FB-Gruppe "kenne", angeboten. Um eine Besprechung gebeten zu werden, bringt die Schwierigkeit mit sich, ob und wie man Kritik äußert. Da es sich bei den Rezensionen immer um subjektive Eindrücke handelt, ist es mir wichtig, meine Meinung ehrlich zu äußern und nicht, weil man die Autorin sympathisch findet oder das Buch als Freiexemplar erhalten hat, zu loben, wenn man auch kritisieren will.

Das Positive zuerst. Die Geschichte liest sich flüssig und bleibt bis zum Schluss recht spannend, da sich Annahmen nicht erfüllen und es unerwartete Wendungen gibt. Die Figuren, die ich zu Beginn recht statisch empfunden haben, offenbaren neue Seiten, ihre Motive und Handlungen werden bis zum Ende hin nicht vollständig erklärt, so dass man auf den 2.Band neugierig wird.

Was mir nicht gefallen hat, ist der Erzählstil. Konventionell mit Rahmenhandlung, vielen Ausschmückungen und Erläuterungen, mit einem Hang zur Sentimentalität, erinnert mich der Roman an "Honigtot" "Die Nachtigall" und "Das Haus der verlorenen Kinder", die ähnlich komponiert sind.

Mit dem Unterschied, dass in den genannten Romane der zeitgeschichtliche Hintergrund stärker berücksichtigt wird. Auch sie erzählen eine Familiengeschichte, die jedoch vom Schrecken der Naziherrschaft bestimmt wird und nebenbei geschichtliche Fakten vermittelt.
Der politische Kontext wird im vorliegenden Roman lediglich in der Zusammenarbeit Floras mit den Nazis, Heinrichs Entrüstung und seiner - kaum thematisierten - Kriegserfahrung angerissen. Gerade aufgrund des Zeitrahmen 1939 und 1990 hätte ich mir einen stärkeren Bezug zur deutschen Geschichte gewünscht. Schade!
Wer einen Roman gegen das Vergessen sucht, für den ist die Geschichte nicht das Richtige, ebenso wenig für diejenigen, die einen unkonventionellen Sprachstil bevorzugen.

Wer eine unterhaltsame, spannende, traditionell erzählte Familiengeschichte, die dunkle Geheimnisse birgt, lesen will, ist mit dem vorliegenden Roman gut beraten.





Sonntag, 9. April 2017

Stephan Lohse: Ein fauler Gott

- ein stiller Roman über einen Jungen, der den Tod seines Bruders verkraften muss.

Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
Suhrkamp, 4.März 2017

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für dieses Leseexemplar.

Inhalt

"Gott ist eine Art Herr Behrends des Himmels, der die Seelen an ihren Armen packt, bis der Schmerz in ihnen pocht, und sie zum Arbeiten in die äußersten Ecken des Himmels verbannt, wo sie nackt und mit verdreckten Gesichtern aufräumen müssen und putzen und Gottes Sachen durch die Gegend schleppen. Gott selbst ist faul in seiner Allmacht, und es bereitet ihm Freude, den Brüdern die Brüder zu stehlen und den Müttern ihre Kinder. Er ist unersättlich. Es gibt im Himmel mehr Tote als Lebende auf der Erde. Während Gott wie Herr Behrends, sein Sportlehrer, die Seelen machen ließ, weinte Mami und hatte zum Sprechen keine Luft mehr. Ben weinte auch. Er konnte nicht mehr aufhören." (S.8)

So ungerecht stellt sich der 11-jährige Benjamin Schrader den Himmel vor, nachdem sein 8-jähriger Bruder unerwartet gestorben ist. Nach einem epileptischen Anfall im Freibad in Hamburg, Sommer 1972, während eines Wettschwimmens, stirbt er 10 Tage darauf im Krankenhaus, ohne dass die Ursache des Todes geklärt werden kann.

"Jonas ist acht Jahre und vier Monate alt. Er fährt mit Ben, der Nachbarin Frau Berg und ihrer Tochter ins Schwimmbad. Ruth bleibt zu Hause und gönnt sich einen freien Tag im Garten. Das Letzte, was sie von Jonas sieht, ist seine offene Sandale." (S.50)

Seine Mutter Ruth macht sich Vorwürfe, der Vater der Kinder - Hans- hat die Familie vor einem Jahr verlassen und inzwischen eine neue Lebensgefährtin. Auch er kann den Tod Jonas nicht begreifen, lebt aber in Frankfurt.

Der Roman erzählt überwiegend aus der personalen, kindlichen Sicht Bens. Über seine Trauer, seinen Kummer, seine Sorgen, die er sich um seine Mutter macht, die mit der Heizdecke an den Füßen so oft weinen muss und kaum noch Anteil am Leben hat.

"Ben überlässt sich der Zentralen Verwaltung. Sie fährt ihn summend zu seinem Platz." (S.21)

Schritt für Schritt gelingt ihm mit seiner Zuversicht der Weg in den Alltag zurück, er findet einen neuen Freund, macht erste sexuelle Erfahrungen, muss sich seinen Platz im Beziehungsgefüge der Klasse erkämpfen und gleichzeitig bemüht er sich um seine Mutter. Seine häufigste Aussage, wenn Freunde ihn fragen, ob er noch bleiben wolle:

"Ich muss nach Hause, meine Mutter wartet auf mich." (S.81)

Ruth verkraftet den Tod ihres Sohnes nicht - einige Passagen des Romans sind aus ihrer Sicht erzählt, und zeugen von ihrer Unfähigkeit den Verlust ihres Kindes zu akzeptieren. Sie geht alle Orte noch einmal ab, die mit seinem plötzlichen Tod zusammenhängen: das Schwimmbad, das Krankenhaus, einen Arzt, doch niemand kann ihr helfen. Sie beneidet Ben, der sich Jonas, wenn er ihn vermisst, immer lebendig vorstellt, während sie wieder an die Situation im Krankenhaus zurückdenken muss. An ihren Schuldgefühlen geht sie fast zugrunde, sie nimmt kaum noch Anteil am Leben.

"Ruth endet lange vor ihrer Haut. Ihr Körper hat sich zurückgezogen und teilt sich nur noch durch seinen kargen Anspruch mit, ernährt zu werden, gesäubert und gelegentlich bewegt. Ihre Haut ist kalt, sie hängt vom Fleisch wie ein nutzloser Lumpen." (S.213)


Auch Ben, obwohl er besser mit der Situation zurecht kommt, leidet und trauert um Jonas. Mit seiner Mutter kann er nur selten über seinen Bruder reden, aber Herr Gräber, ein Nachbar, hört ihm zu. In seinem Vorgarten steht ein altes Auto ohne Räder, in dem Herr Gräber Ben das Auto fahren beibringt, ihm gegenüber öffnet er sich.

"Magst du von Jonas erzählten?", fragt Herr Gäbler nach einer Weile. "Nein", sagt Ben. "Aber du könntest es probieren?" Ben gerät in einen dunklen Tunnel, der immer schmaler wird, bis er am Ende so eng wie ein Strohhalm ist. Um herauszukommen, sagt Ben leise: "Ja" (S.70)

Herr Gräber nimmt Ben in seinem Kummer wahr und da auch er Winnetou gelesen hat, stellt er sich vor, der Himmel sei wie die ewigen Jagdgründe, die

"wie eine Lücke in der Zeit [sind]. Dort wird Jonas für immer so bleiben, wie du ihn erinnerst. Und du erinnerst ihn jedes Mal, wenn du traurig wirst." (S.224)

Für Ben kristallisiert sich heraus, dass er seine Mutter wieder zum Leben überreden muss. Ob ihm das gelingen wird?

Bewertung
Ein sehr berührender Roman, der aus kindlicher Sicht die Trauer um einen geliebten Menschen in bilderreicher Sprache zum Ausdruck bringt. Die ungewöhnlichen Metaphern und Beschreibungen haben mich neben dem sensiblen Umgang mit der schwierigen Thematik fasziniert. Wie Ben sich selbst als Maschine vorstellt, seinen Kopf als Ort mit Regalen, wie seine Zentralverwaltung die Kontrolle übernimmt, damit er weiter leben kann, spiegelt seine Hilflosigkeit mit der Situation umzugehen, wider.
Als er zum ersten Mal seit Jonas Tod wieder im Schwimmbad ist, kann er zunächst nicht ins Wasser gehen.
"Dem Brennen der Sonne ausgesetzt, schrumpft Ben etwas. Es ist fast nicht zu bemerken und eigentlich ein Geheimnis. Nur möchte Ben gerade kein Geheimnis haben. An den Stellen, an denen er schrumpft, faltet sich seine Haut. Durch die Falten dringt die Hitze in ihn ein und beißt sich ins Innere. Die Sachen in Bens Regalen trocknen aus. Die Regale selbst werden staubig. Ein Wind weht über sie hinweg und kämmt Rillen in den Staub. Ben braucht lange, um in einem der hinteren Regale ein Seil zu finden. Er zieht es hervor verknotet es an einem geheimen Haken und reißt an ihm, bis es sich strafft." (S.187)

Die Sprache macht diesen Roman, der neben der Trauerarbeit auch den Weg des Jungen zum Jugendlichen mit all den Ritualen, Hindernissen und der Entdeckung der eigenen Sexualität ehrlich beschreibt, zu etwas ganz Besonderem.

Eine klare Leseempfehlung!

Montag, 3. April 2017

Jonathan Crown: Sirius

- ein heldenhafter Vierbeiner in einer unerträglichen Farce.

Taschenbuchausgabe, 309 Seiten
KiWi Taschenbuch, 8.April 2017

Inhalt
Der kleine Foxterrier Levi ist Mitglied der jüdischen Familie Liliencron, die in Berlin lebt. Wir schreiben das Jahr 1938, der Sohn Georg besucht das Gymnasium und hat mit der antisemitischen Haltung seiner Mitschüler zu kämpfen. Seine Schwester Else, eine begabte Klavierspielerin, hätte eigentlich eine vielversprechende Karriere vor sich.
Professor Liliencron, Familienoberhaupt, ist Wissenschaftler und eine Koryphäe in der Plankton-Forschung, Politik interessiert ihn ebenso wenig wie Levi. Und doch dämmert es ihm, dass der Hundename ihn offensichtlich als jüdisch ausgibt, so wird er kurzerhand nach dem Sternbild Großer Hund in Sirius umgetauft.
Der Foxterrier ist gewitzt und versteht alles, was die Menschen um ihn herum reden und bewegt. So realisiert er in der Reichspogromnacht, dass er die Familie in Sicherheit bringen muss, was ihm auch gelingt. Glücklicherweise sind sie gut befreundet mit Benno Fritsche, einem bekannten Schauspieler, der in die Partei eingetreten ist, um weiter auftreten zu können. Mit seiner Hilfe und der von Andreas - Elses Freund - gelingt ihnen die Flucht über die Schweiz nach Genua und von dort nach Los Angelos. Benno ist nämlich mit Peter Lorre bekannt, einem berühmten Schauspieler, der tatsächlich gelebt hat, ebenso wie James Warner (in Anlehnung an Warner Brothers), der den Liliencrons hilft. Carl wird Chauffeur eines abenteuerlustigen Schauspielers - John Clark, der wiederum entdeckt das Talent des pfiffigen Foxterriers. Es kommt,wie es kommen muss, und aus dem kleinen Vierbeiner wird der Fernsehstar Hercules, so dass die Familie ihrer finanziellen Sorgen entbunden ist. Andreas ist ebenfalls die Flucht gelungen und er heiratet Else, während Georg Medizin studieren kann. Alles scheint sich zum Positiven zu wenden, doch Sirius wird aus finanziellen Erwägungen einem großen Zirkus ausgeliehen, in dem er zunächst erfolgreich agiert, dann aber aufgrund eines Missgeschicks verwechselt wird und verloren geht. Auf abenteuerlichem Weg landet er wieder in Berlin. Ausgerechnet der Hauptsturmführer Erwin Wünsche findet ihn - ein strammer Nationalsozialist, der auch noch zum persönlichen Adjutanten des Führers befördert wird. Hansi, wie er inzwischen heißt, schließt sich dem Widerstand an, denn eine glückliche Fügung hat ihn zurück zu Benno Fritsche geführt. Der kluge Hund - inzwischen Hitler vorgestellt und zu dessen Liebling avanciert - soll den Führer auskundschaften. Die Geschichte hetzt im letzten Drittel durch die militärischen Niederlagen der Wehrmacht, reißt den Niedergang des 3.Reiches an und macht den Hund verantwortlich für den missglückten Attentatsversuch, worauf sich dieser bittere Vorwürfe macht. Den Rest habe ich - ehrlich gesagt - nur noch quer gelesen - Happy End inklusive.

Bewertung
Der Roman wird auf der Rückseite als "charmante, lustige Farce" beschrieben. Ich fand ihn einfach nur ärgerlich. In kurzen, sprachlich wenig anspruchsvollen Sätzen werden die Ereignisse aneinander gereiht - mit vielen Wiederholungen und zusammenfassenden Erklärungen. Und das aus wechselnden Perspektiven, in direkter und erlebter Rede - auch aus der Sicht des Hundes. Was teilweise schon ganz lustig sein könnte...
Spannender wäre die Ich-Perspektive "Hund", im Unverständnis dessen, was sich da abspielt. Denn natürlich ist Sirius weltgeschichtlich immer auf dem neuesten Stand und versteht alles - das ist Fiktion und erlaubt. Aber es ist nicht witzig - zumindest trifft es meinen Humor nicht.
Die Lebensphase der Familie Liliencron in Hollywood gleicht einer Aufzählung des Who is who der damaligen Zeit - der Autor hat seine Hausaufgaben gemacht und alle wichtigen Filmstars und Filme aufgezählt, die in jener Epoche entstanden sind. Das ist ganz amüsant, sorgt für den ein oder anderen Aha-Effekt...
Ärgerlich ist die Phase Sirius´ alias Hercules alias Hansi in Berlin zu lesen. Hätte der Autor doch die Geschichte verändert und eine fiktive Welt dargestellt, die zeigt, was gewesen wäre, wenn das Attentat auf Hitler geglückt wäre oder Hercules auf andere Art und Weise den Führer besiegt hätte.
So bleiben die bekannten geschichtlichen Ereignisse unangetastet und ich muss lesen, wie angetan der Führer von dem kleinen Hund ist, der zwar einer Spionagetätigkeit nachgeht, aber ansonsten Hitler gehorcht...was lerne ich daraus?? Immer brav mit dem Schwanz wedeln, dann überlebe ich den Krieg und die Bomben und alles ist gut?

Dass man den Holocaust und das 3.Reich in einer Tragikomödie darstellen kann, hat Roberto Benigni in seinem Film "Das Leben ist schön" bewiesen, diesem Roman gelingt weder Komik noch Tragik.

Keine Leseempfehlung!

Samstag, 1. April 2017

Stanley Crawford: Mrs U. liebt das Meer

- ein kafkaeske Parabel über die Ehe.

Gebundene Ausgabe, 148 Seiten
Louisoder, 22. Februar 2017
Englische Erstausgabe, 1972

Vielen Dank an den Louisoder Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

Inhalt
Mrs Unguentine wurde per Telefon vor vierzig Jahren mit Mr Unguentine verheiratet und schippert seitdem in einem großen Kahn über das Meer - ohne seitdem Land betreten zu haben. Und jetzt ist ihr Mann tot - Selbstmord (?), jedenfalls ist er über Bord gegangen,

 "die Flasche am Hals und wahrscheinlich, ein Opfer seiner verrotteten Leber, schon tot, als er in die Gischt purzelte, was erblickte ich da in seiner Gesäßtasche? (...) Unsere gesammelten zusammengerollten Seekarten, die also mit ihm auf den Grund sanken, und da war ich nun, allein inmitten eins bösen Sturms weitab vom nächsten Land." (S.9)

Das durchweg negative Bild, dass Mrs Unguentine von ihrem Mann zeichnet, bestätigt sich nur teilweise im Verlauf der weiteren Handlung, die größtenteils aus Rückblicken auf ihr bisheriges Leben auf dem Meer besteht. Sprunghaft beschreibt die Ich-Erzählerin ihre gemeinsame Ehe, die sich wie ein Puzzle langsam vor den Augen der Leser/innen zusammensetzt.
Da sind "jene berühmten Unguentinischen Gärten", die ihr Mann auf dem Kahn angelegt hat. 40 Bäume erstrecken sich im ehemaligen Blumengarten in ihrer Pracht, mit einer Lichtung, dazu Gemüsegarten und Stauden. Eine schwimmende Oase - bestaunt von anderen Schiffen, die von Unguentine gewissenhaft gehegt wird. Zu ihrem Schutz baut er eine riesige Glaskuppel auf dem Kahn - aus Teilen, die er von versunkenen Schiffen vom Meeresboden heraufholt. Während zu Beginn der Ehe noch Besuch auf dem Schiff - reiche Yachtbesitzer - empfangen wurden, koppelt sich Unguentine irgendwann aus der Gesellschaft aus - nur Tiere, Vögel- und Insektenschwärme werden zu ihren Begleitern. Die uralte Dampfmaschine wird durch ein filigranes Netz kleiner Segel ersetzt, so dass sie unabhängig vom Treibstoff sind - kein Land in Sicht - nirgendwo.
Die Tage verlaufen immer gleich - gemeinsames Frühstücken, Arbeit auf dem Schiff, gemeinsames Abendessen, wobei Unguentine fast nicht zu reden scheint.

"Er verkündete eine Ruhezeit von zwanzig Minuten, oder ich glaubte jedenfalls, dass er das sagte mit seiner besonders fleischigen Zunge, die ihn daran hinderte, deutlich und schnell zu sprechen, sein Mund war so voll von ihr, dass nur wenige Worte sich je hinauszuzwängen vermochten, diesem leguanartigen Zungengewicht, dem knebelnden." (S.29)

Ein ereignisloses Leben, dem sie mehrfach zu entfliehen versucht - zumindest erschließt sich das aus einigen Andeutungen, immer wieder aber von Unguentine "eingefangen" wird. Zumindest der Sex scheint wild und leidenschaftlich zu sein, davon zeugen einige Szenen.

Die Situation verändert sich, als Mrs Unguentine den Wunsch äußert, ein Kind haben zu wollen. Und spätestens bei der Beschreibung der Umstände des missglückten Versuchs schwanger zu werden, ihrer monströsen Gewichtszunahme und dem erstaunlichen Auftauchen eines Säuglings, der das Schiff als Kind (!) verlässt, liegt die Vermutung nahe, dass die vorliegende Erzählung eine Parabel ist.

"Mit fünf reifte er zu einem Genie heran, entwickelte sich zu einem hervorragenden Schwimmer, wurde bescheiden und schwamm eines Tages davon, zweifellos weil er genug hatte von uns, dem Kahn, diesen Meeren." (S.97)

Nach dem "Verschwinden" des Kindes holzt Unguentine die Bäume ab und ersetzt sie durch künstliche - grotesk die Beschreibung der einzelnen mit Drähten befestigten, beweglichen Blätter - bis er selbst schließlich verschwindet.
Beim zweiten Erzählen ist von Alkohol nicht mehr die Rede, sondern tatsächlich vom Verschwinden und Mrs Unguentine bleibt alleine auf dem Kahn zurück. Während sie zu Beginn auf Unguentine schimpft, vermisst sie ihn jetzt. Sie scheint keine verlässliche Erzählerin zu sein und alles bereits Gelesene muss neu beurteilt werden.
Die echten Pflanzen, begraben unter alten Kleidern, bahnen sich einen Weg ins Licht zurück und irgendwann strandet der Kahn im Nirgendwo. Das Meer ist außer Sichtweise und ganz Ende befreit sich Mrs Unguentine von ihrem Mann und stirbt.

Bewertung
Eine seltsame Erzählung, die den Leser/innen einiges abverlangt. Zu Beginn glaubte ich eine zwar fiktive Geschichte zu lesen, die sich aber möglicherweise so zugetragen haben könnte, bis ich irgendwann erkannt habe, dass ich eine Parabel - eine bildhafte Erzählung - vor mir habe. So steht es auch auf der Buchrückseite:

"Und nicht zuletzt einen Parabel auf das Glück im Angesicht der Vergänglichkeit." 

Wird hier bildhaft das Leben eines auf sich bezogenen Ehepaars, abseits - und unabhängig - von der Gesellschaft, erzählt, deren unerfüllter Wunsch, ein Kind zu bekommen, ihre Beziehung zerstört hat?

Die blühenden Bäume, der überdimensionale Garten, ein Zeugnis der leidenschaftlichen Liebe? Das Abholzen der Bäume und der Bau der künstlichen, der Tod der Liebe, das Aufgeben des Wunsches nach neuem Leben?
Die Weigerung zu sprechen, aber durch Empathie Gefühle zu vermitteln, eine Metapher für die tiefe Verbundenheit des Paares, wobei jeder seinen eigenen Weg auf dem Schiff geht? Oder die Sprachlosigkeit als Symbol einer gescheiterten Ehe? Der Tod des Einen führt zum Niedergang des anderen? Oder ist er eine Befreiung? Da auch das Schiff Mrs Unguentine heißt, erzählt es vielleicht die Geschichte?

Viele Fragen, auf die die Erzählung keine eindeutigen Antworten gibt. Die Parabel ist offen für Deutungen und subjektiv im Verständnis - eine Aufforderung selbst Sinn zu schaffen.
- Keine Lektüre, die man zwischendurch lesen sollte, die mich persönlich sehr angesprochen hat.

Wem Kafkas Prosa gefällt, der wird auch diese Erzählung gerne lesen.


Dienstag, 28. März 2017

Per J. Andersson: Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden

- eine wahre Geschichte.

Lesen mit Mira

Taschenbuch, 344 Seiten
Kiepenheuer &Witsch, 2. April 2015

Der Roman erzählt die wahre Geschichte des Inders Jagat Ananda Pradyumna Kumar Mahanandia, kurz Pikay genannt, der von Indien nach Schweden gereist ist, um seine große Liebe wiederzufinden.
Mira hat den Roman wegen des Titels gekauft, mich hat er sofort an den "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg..." erinnert.
Es ist jedoch weder ein lustiger noch ein satirischer Roman, sondern eine berührender Lebensbericht, der sowohl die indische als auch die westliche Kultur differenziert betrachtet. Mira und ich sind uns einig, ein lesenswertes Buch!

Inhalt
Pikay wird als Sohn eines "Unberührbaren" und einer Frau aus dem Stammesvolk in einem Dorf in Indien, nahe des Dschungels Ende der 1940er Jahre geboren.
Am Tag seiner Geburt prophezeit ihm der Astrologe des Dorfes, dass er ein Mädchen heiraten wird, das nicht aus diesem Land stamme, musikalisch sei und einen Dschungel besitze. Pikay hält Zeit seines Lebens an dieser "Bestimmung" fest, sie ist seine Triebfeder, die ihm den Ausbruch aus seiner aussichtslosen Lage als Unberührbarer ermöglicht.

Die britischen Kolonialherren haben das besetzte Indien verlassen müssen und seltsamerweise verbindet der Vater mit den Briten positive Erinnerungen. Das mag damit zusammenhängen, dass die Briten Pikays Großvater zum "Chatai des Dorfes gemacht hatten - ein Titel, der verpflichtete" (S.70). Er war sozusagen der "Herrscher" des Dorfes und rechnete den Briten hoch an, dass sie ihn nicht wie einen Unberührbaren behandelten.
Von der Geschichte her ist diese Aussage eigentlich nicht zu verstehen, darüber habe ich mit Mira diskutiert. Die britischen Besatzer haben überwiegend mit den Hindus der ersten drei Kasten zusammengearbeitet, während die unterste und die "Unberührbaren" regelrecht ausgebeutet und unterdrückt wurden.

Währenddessen hat die neue indische Regierung Gesetze erlassen, die eine Diskriminierung der Kastenlosen, der Dalit, verbietet, die keiner der traditionellen 4 Kasten des Hinduismus angehören.
Doch die Realität des kleinen Pikay sieht anders aus. In seinem Dorf wird er von den Brahmanen, den hinduistischen Priester, vom Tempel verjagt, in der Schule muss er außerhalb des Klassenraums sitzen und darf niemanden anfassen, stets spielt er für sich allein, gehört er doch zu den Unreinen.

"An den Tagen, an denen der Schulinspektor zu Besuch kam, war alles anders. Der Inspektor sollte kontrollieren, ob die Schule die Gesetze Indiens befolgte, die besagten, dass niemand aufgrund seiner Kaste diskriminiert werden dürfe. (...) Die Gegenwart des Inspektors veranlasste den Lehrer und die Klassenkameraden, Pikay anders zu behandeln." (S.59)

Während also der kleine Pikay in der Schule leidet und nur der Schein gewahrt wird, wächst in der Schwedin Lotta "am anderen Ende der Welt" die Sehnsucht nach Indien.

Pikays Leidensdruck wird so stark, dass er sogar einen Selbstmordversuch unternimmt, doch sein Lebenswille siegt. Er beendet die Schule erfolgreich und da er ein begabter Künstler und Maler ist, gelingt es ihm, ein Stipendium für eine Kunsthochschule zu erlangen, so dass er sein Dorf und den Dschungel verlässt, um sich in der Großstadt Neu-Delhi durchzuschlagen.

"In der ersten Nacht in seiner neuen, schönen Welt schlief er tief und traumlos im fünften Stock des staatlichen Gästehauses. Am ersten Morgen stand er im Flur und sah aus dem Fenster, rieb sich die Augen und  verspürte Angst. (...) Plötzlich hatte er das Gefühl, am liebsten in die Geborgenheit, ins Bett, ins Dorf in Orissa, zur Familie zurückkehren zu wollen." (S.84)

Zu Beginn scheint alles gut zu gehen, doch dann erhält aufgrund der Korruption kein Schulgeld mehr und wird obdachlos. Sein Leben ist fortan vom nagendem Hunger bestimmt, so dass er seiner einzigen Geldquelle, dem Porträtzeichnen nicht mehr nachkommen kann. Erneut will er seinem scheinbar sinnlosen Dasein ein Ende setzen, als sich das Blatt für ihn zum Guten wendet.
Er lernt einen wohlhabenden Mitschüler kennen, Tarique, der ihn bei sich schlafen lässt - bis sein Vater, der Oberste Richter dies verbietet. Immer wieder stößt Pikay auf die offene Diskriminierung der Unberührbaren trotz der bestehenden Gesetze. In den Köpfen der Bevölkerung herrscht jedoch immer noch der Glaube an die Kastenzugehörigkeit.
Zufällig zeichnet Pikay die erste Frau im Weltall, Walentina Tereskowa, was ihm zu einigem Ruhm verhilft, so dass er sogar Indira Ghandi zeichnen darf, was ihm kurzfristig eine finanzielle Sicherheit gewährt.
Im Frühjahr 1975 ist Pikay der Springbrunnenmaler: "Ten Rupies, ten minutes" lautet seine Devise. Es ist der Ort, an dem er seine Zukünftige kennenlernt - Lotta aus Schweden, die mit einigen Freunden in einem alten VW-Bus nach Indien gereist ist.
Lottas Lebenseinstellung hat Mira und mich sofort angesprochen, so dass wir es unabhängig voneinander markiert haben:

"Trotz der christlichen Mutter und ihrer eigenen Neugier auf Yoga und die asiatischen Lebensphilosophien stand sie den Religionen kritisch gegenüber. Sie war Humanistin. Das musste genügen. Alle Menschen hatten dieselbe Lebensenergie, ganz gleich, woher sie stammten und wie ihre Hautfarbe war. Wenn man so denkt, ist es unmöglich, rassistisch zu sein, meinte Lotta." (S.128)

Doch Lotta kehrt nach Schweden zurück und obwohl sie Pikay liebt, lässt sie sich von ihrer Mutter überzeugen zu warten. In seiner Verzweiflung macht sich der junge Inder auf den Weg nach Schweden, mit dem Fahrrad fährt er Ende 1976 auf dem Hippie-Trail gen Westen und stößt auf Hindernisse, die seiner Liebe entgegenstehen. Aber nichts scheint ihn aufhalten zu können...


Bewertung
Mira und ich sind uns einig, ein lesenswerter Roman, der viele Weisheiten enthält, die wir alle gar nicht aufschreiben können. Ein Roman, der einen Einblick in die indischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ermöglicht und der unterschiedliche Lebenswelten in diesem Land schildert: das Dorf Orissa und die Großstadt Neu-Delhi. Der einen differenzierten Blick auf die indische und westliche Kultur wirft und aufzeigt, dass Diskriminierung und Rassismus, aber auch Menschlichkeit und Nächstenliebe in jeder Kultur und Nationalität verankert sind. Pikay wird aufgrund seiner Herkunft in Indien ausgegrenzt, erfährt aber auch Anerkennung und Achtung. Auf seiner langen Reise durch Afghanistan, den Iran und die Türkei schildert er, wie gastfreundlich er behandelt wird. Wie er gegen eine Zeichnung zum Essen eingeladen wird, eine Unterkunft für die Nacht erhält. Das ist in unserer westlichen Kultur fast undenkbar, oder?
Eine Freundin in Wien warnt ihn daher vor "Europa":

"Pikay, sagen sie, du bist ein guter Mensch, du machst Menschen gut. Aber du kennst Europa nicht. In Europa ist die Mitmenschlichkeit ein aussterbendes Gut. In Europa werden die Taten der Menschen von Angst und nicht von Liebe gesteuert." (S.275)

Fast scheitert er an der westdeutschen und schwedischen Grenze. Interessant ist auch die Szene, in der Pikay erkennt, wie schwierig es ist, seinem Ursprung zu entfliehen, obwohl er schon eine Zeit lang in Schweden lebt.

"Die Umgebung findet, Pikay solle doch Yoga-Unterricht geben, auch wenn er beteuert, auf diesem Gebiet kein Experte zu sein. Doch die Erwartungen hängen ihm an, und die Angebote, Kurse zu leiten, häufen sich." (S.302)

Das Klischee haftet an ihm und den Vorurteilen, auch wenn sie hier freundlich gemeint sind, kann er nicht entkommen.

Ein lesenswerter Roman, an dem mich nur gestört hat, dass die Figuren aufgrund der Erzählform (Er-Form), fast ausschließlich aus der Sicht Pikays und der wenigen Dialoge und Szenen, auf Distanz bleiben. Ich habe - anders als Mira - länger gebraucht, um in den Roman eintauchen zu können und hätte mir weniger Zusammenfassungen und mehr "Einzelaufnahmen" gewünscht, die einen ins Geschehen hineinziehen. Das mag daran liegen, dass der Autor Reisejournalist mit dem Schwerpunkt Indien ist, was andererseits seine herausragenden Kenntnisse über das Land und seinen differenzierten Blick auf die Kultur erklärt.
Hier geht es zu Miras Rezension.