Dienstag, 19. September 2017

Anne B. Ragde: Sonntags in Trondheim

- ein unterhaltsamer Abschluss der Familiensaga.

Klappentext Rückseite
Taschenbuch, 352 Seiten
btb Verlag, 14. August 2017

Der Roman ist der letzte Teil der Geschichte um die Familie Neshov, die mit "Das Lügenhaus" begonnen hat und in "Einsiedlerkrebse" und "Hitzewelle" fortgeführt wird.

Anna Neshov hat gemeinsam mit ihrem Schwiegervater Tallak drei Söhne gezeugt und ihren eigentlichen Ehemann Tormod bevormundet und menschenunwürdig behandelt.
Der älteste Sohn Tor ist nach dem Tod der Mutter auf dem Hof geblieben und hat die Schweinezucht weitergeführt, während Margido ein Bestattungsunternehmen eröffnet hat und der jüngste, Erlend, nach Dänemark geflüchtet ist. Dort lebt er mit Krumme zusammen und gemeinsam mit dem lesbischen Pärchen Jytte und Lizzi haben sie beschlossen Kinder in die Welt zu setzen. Torunn, Tors Tochter aus einer kurzen Affäre, hilft ihrem Vater auf dessen Hof, als er in einer ausweglosen Situation steckt. Dann stirbt er an einem Herzinfarkt. Am Ende des letzten Bandes läuft Torunn davon, da Erlend und Krumme aus den Silos auf dem Hof schicke Ferienwohnungen gestalten wollen und sie glaubt, jeder missbrauche sie für seine Zwecke. Seitdem steht der Hof leer und Tormod lebt in einem Altenheim.

Inhalt
Klappentext Vorderseite
Einige Jahre danach setzt die Handlung ein. Torunn hat ihre Beteiligung an der Tierklinik verkauft und lebt wieder mit Christer zusammen, ein Mann, der sein Geld mit Aktiengeschäften verdient und Schlittenhundrennen fährt. Und der sie schamlos betrügt, worüber sich ihre Freundin Margaret furchtbar aufregt. Lange nimmt Torunn dies hin, doch irgendwann ist es ihr zuviel. Sie beschließt kurzentschlossen ihren Onkel Margido aufzusuchen, der aus allen Wolken fällt. Abwechselnd aus der Sicht Margidos, Torunns und Erlends wird der erste Teil des Romans erzählt. Erlend ist inzwischen Vater und im Rückblick erfahren die Leser*innen, wie er und sein Partner die Zeit der Schwangerschaft ihrer lesbischen Freundinnen erlebt haben, wie die Kinder auf die Welt gekommen sind und sich im Leben der beiden Paare eingerichtet haben - bis ein Herzinfarkt Krummes diese Welt ins Wanken bringt.
Der zweite Teil fokussiert sich auf Torunn, die mit 40 Jahren beschlossen hat, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Sie will zum Hof zurückkehren und einen neuen Anfang wagen - mit ihrer Familie.

Bewertung
Nachdem der letzte Band der Reihe etwas abrupt geendet hat und viele Fragen offen geblieben sind, schließt die Autorin mit diesem Teil die Familiengeschichte glücklich ab. Ein schöner Unterhaltungsroman, mit Humor und melancholischen Szenen, der aber nicht an den ersten Roman dieser Reihe herankommt, in der ein dunkles Familiengeheimnis - die Identität des wahren Vaters der drei Jungen - im Vordergrund gestanden hat. Torunn entwickelt sich als Figur und gibt ihrem Leben eine neue Richtung. Witzig sind die Schilderungen Erlends über die Schwangerschaft und die Zeit danach - die ungewöhnliche Konstellation, dass ein schwules Pärchen mit einem lesbischen beschließt Kinder in die Welt zu setzen, hat einen gewissen Charme.

Insgesamt gute Unterhaltung, nicht mehr, aber auch nicht weniger ;)







Sonntag, 17. September 2017

Carlos Ruiz Zafón: Das Labyrinth der Lichter

- ein Ohrenschmaus.

Quelle: pixabay
Hörbuch von Audible
gesprochen von Uve Teschner
27 Stunden 26 Minuten


Kleine Leserunde auf whatchareadin
mit Literaturhexle







Obwohl es der 4.Band der Reihe "Friedhof der vergessenen Bücher" ist, lässt sich dieser Teil unabhängig von den anderen lesen bzw. hören. Ich habe selbst vor Jahren "Im Schatten des Windes" gelesen und während des Hörens kam die ein oder andere Erinnerung daran auf. Doch die Geschichte steht für sich und ist extrem spannend und gut erzählt.

Inhalt
Zu Beginn begegnet uns Daniel Sempere, der von seinem Vater im ersten Band in das Geheimnis des Friedhofs der vergessenen Bücher eingeweiht wird.
Inzwischen ist er mit Beatrix verheiratet, hat einen vierjährigen Sohn, Julian, und ist mit seinem Vater gemeinsam Besitzer der Buchhandlung Sempere. Auch sein alter Freund Fermin ist noch an seiner Seite und sorgt mit seiner metaphorischen Sprache und seinen Zoten für Heiterkeit.

Er erzählt im Rückblick von seiner Ankunft in Barcelona im Jahre 1939, als er als blinder Passagier auf einem Schiff die Botschaft seines Freundes an dessen Frau (seiner einstigen Liebe) überbringen will. Dabei wird er von seinem alten Feind, dem brutalen und skrupellosen Fumero von der Geheimpolizei entdeckt, kann aber fliehen. Er erreicht das Haus seines Freundes, trifft aber nur dessen Mutter an sowie die kleine 8-jährige Alicia, die ihr Lieblingsbuch in der Hand hält: "Alice im Wunderland." Das Haus wird bombardiert, es gelingt Fermin sich und Alicia zu retten, gemeinsam fliehen sie im Feuer durchtränkten Barcelona.
Doch sie verlieren sich und Alicia stürzt in eine Bücherkathedrale - mitten in den Friedhof der vergessenen Bücher. Schwer verletzt überlebt sie diese Nacht und träumt immer wieder von diesem Ort - doch Fermin glaubt, sie habe nicht überlebt und er habe seinen Freund "verraten".

Die Handlung springt ins Jahr 1959. Der Kulturminister Mauricio Valls gibt gerade ein rauschendes Maskenfest, während seine schwer kranke Frau dahin vegetiert, sich seine Tochter Mercedes jedoch gut amüsiert.
Valls wird bedroht - mit Briefen, auch einen Anschlag hat es bereits auf sein Leben gegeben. An diesem Abend erhält er ein schwarzes Buch - es gehört zur Reihe "Das Labyrinth der Lichter" von Victor Mateix, der im Gefängnis Montjuic gesessen hat, in dem Valls während und nach dem Bürgerkrieg Gefängnisaufseher gewesen ist. Valls glaubt, dass hinter den Drohungen und dem Anschlag der Schriftsteller David Martin steckt, der gemeinsam mit Mateix eingeperrt war.
Valls versucht sich in Sicherheit zu bringen und verschwindet spurlos - nur sein Auto wird mit Blutspuren aufgefunden.

Alicia - jene Alicia, die Fermin hatte retten wollen - soll sich auf die Suche nach Valls machen. Sie arbeitet für Leandro, der wiederum der Politischen Polizei zuarbeitet. Er war es, der sie herunter gekommen auf den Straßen Barcelonas aufgelesen hat und sie zur einer Art "Geheimagentin" ausgebildet hat. Mehr oder weniger gezwungen arbeitet sie sehr effektiv für ihn, möchte ihn und ihre Arbeit jedoch verlassen. Der Fall Valls solle ihr letzter werden, verspricht Leandro, dann sei sie frei.
Gemeinsam mit dem Polizisten Vargas ermittelt sie und ihre Spur - nämlich der 4.Band der Reihe "Das Labyrinth der Lichter", den sie bei Valls finden, führt sie von Madrid nach Barcelona, auch in die Buchhandlung Sempere, die sie bereits als Kind besucht hat.
Alicia recherchiert die Fakten zu Victor Mateix und sie stoßen auf weitere ehemalige Insassen des Gefängnis Montjuic. So soll ein gewisser Salgado die Briefe geschrieben haben, er ist jedoch selbst ermordet worden.
Ein Fall mit vielen Handlungsfäden, die am Ende in einem Trommelwirbel entwirrt werden, bevor der Roman in einem ruhigen Fahrwasser zu Ende geht.

Denn Julian Sempere verfolgt das ehrgeizige Projekt, die Geschichte seiner Familie zu erzählen und mit diesem Kunstgriff führt Zafon alle Teile der Reihe - "Der Schatten des Windes", "Das Spiel der Engel", Der Gefangene des Himmels" und "Das Labyrinth der Lichter" - geschickt zusammen.

Bewertung
Trotz der sehr langen Hörzeit wird dieser Roman - bis auf den letzten Teil, der etwas ausufert - nicht langweilig. Im Gegenteil, ich bin in eine Art Sog geraten und wollte immer weiter hören, was auch dem hervorragenden Vorleser gelegen hat. Vielen Dank an Literaturhexle, die mir alle Namen aufgeschrieben hat, denn beim Hören der spanischen gerät man zu Beginn durcheinander.

Eine sehr spannende Geschichte, in der man wenig vorhersehen kann und die Charaktere glaubwürdig agieren, die Handlung immer wieder Fahrt aufnimmt, es aber auch ruhige, reflektierende Passagen gibt. Die Fäden entwirren sich zufriedenstellend am Ende, wenn auch der ein oder andere sympathische Protagonist auf der Strecke bleibt.
Meine Lieblingsfigur ist der kauzige Fermin, über dessen Sprache und Witze ich immer wieder lachen musste.
Der geschichtliche Hintergrund hätte für meinen Geschmack noch stärker thematisiert werden können, da ergeht sich Zafon in vielen Andeutungen, während die Topographie Barcelonas ausführlich geschildert wird.

Insgesamt ein echter Hörgenuss, ein opulenter, nach dem ich persönlich jetzt was Leichteres und sprachlich Puristischeres brauche ;)

Auf whachtareadin ist unser gesamter Dialog zu lesen:

Literaturhexles Meinung
Ich bin total begeistert vom Erzählstil des Autoren: Die Sprache erscheint ein klein wenig distinguiert, aber passend zur Zeit, in dem es spielt. Auch gibt es in Spanien starke Standesunterschiede, auf die auch in Dialogen Rücksicht genommen wird. Trotzdem blitzt hier und da auch Humor auf. Viele Namen treten schon im ersten Viertel auf. Zum Glück habe ich das Buch hier, wenn man sie geschrieben sieht, ist das Einprägen leichter. Auch die Zeitsprünge kann man im Buch leichter nachvollziehen.
Die Figuren sind sehr genau gezeichnet, der Autor kann die Atmosphäre mit seinen Worten heraufbeschwören, die recht dunkel und geheimnisvoll ist. Das Personal ist zum Teil mit dem der Romanvorgänger identisch. Man kann das Labyrinth der Lichter aber völlig losgelöst lesen.

Donnerstag, 7. September 2017

Nicholson Baker: Das Regenmobil

- ein launiger Monolog darüber, wie man einen Songtext schreibt.

Taschenbuchausgabe, 300 Seiten
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 21. Juli 2017

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar, hier geht es zur Buchseite des Verlages.

Inhalt

Paul Chowder ist Lyriker, "bekannt" geworden durch eine Anthologie "Reim allein", die ihm immer noch Tantiemen und einige Vorträge einbringt.
Zur Zeit lebt er auf einem alten Bauernhof in Maine, gemeinsam mit seinem Hund und trauert seiner Ex-Freundin Rosslyn nach.

Zu seinem 55. Geburtstag wünscht er sich sehnlichst eine Akkustikgitarre, die er sich kurzerhand selbst schenkt. Denn statt Gedichte zu schreiben, hat er sich vorgenommen ab jetzt Songtexte zu komponieren. Dabei experimentiert er mit Wortkaskaden und verschiedenen Akkorden, Klängen und allem, was Geräusche macht.

"Ich möchte Songs schreiben. Keine Gedichte mehr - Songs." (S.28)

Der Ich-Erzähler lässt uns in einem inneren Monolog daran teilhaben, welche Herausforderungen ein Songtext mit sich bringt:

"Er (gemeint ist sein Freund Tim) sagte: "Schreib doch mal ein Buch darüber, wie du versuchst, einen Protestsong zu schreiben."
"Das mache ich ja schon irgendwie", sagte ich." (S.183)

Neben den Songtexten gilt sein Interesse doch immer noch der Lyrik. Ein Gedicht von Keats,

"Bevor die Feder noch hat eingebracht/ Die Ernte meines Geistes..." (S.10)

fasziniert ihn, ebenso Gedichte über Fagotte und Musikstücken mit Fagott, da er selbst Fagott gespielt hat. Besonders Debussys "versunkene Kathedrale" hat es ihm angetan.

Und natürlich hat er ein Faible für Regenmobile:

"Das Regenmobil ist ein langsam fahrendes Techno-Dance-Trance-Gerät aus schwerem Metall mit zwei weißen gusseisernen Hinterrädern, die sich in die Erde graben, und obendrauf einer Art Taktstock oder Hubschrauberflügel, der sich dreht. Der Schlauch wird am Heck angeschraubt. Das Schlauchwasser fließt mit Hochdruck in den Anus bzw. das Rektum des Traktors. Es läuft durch den Traktor hoch und tritt an den Löchlein am Ende der rotierenden Wirblis aus und fliegt in einem gleißenden Bagel sinusoider Formen auf den Garten." (S.247)

Paul kümmert sich jedoch auch um Menschen - um seine Nachbarin Nan, deren Hühner er des Öfteren versorgt und deren Sohn Raymond ihm beim Komponieren hilft. Und vor allem kümmert er sich liebevoll um Rosslyn, die krank ist und die er davon überzeugen will, dass er der Richtige für sie ist. Nicht ihr derzeitiger Freund Harris. Ob ihm das gelingen kann?

Bewertung
Zunächst kommt der Roman etwas belanglos daher. Ein mittelmäßiger Lyriker, der sich vorgenommen hat, Songtexte zu schreiben und darüber hinaus mit Tabak und Zigarren experimentiert.
Doch die Gedanken Pauls sind alles andere als belanglos, wenn er sich zu amerikanischen Lyrikern oder zu klassischen Komponisten äußert. Oder wenn er beschreibt, welche Rolle ein Fagott in unterschiedlichen Musikstücken spielt oder wenn er sich vehement gegen die Drohnen im Kampf gegen den Terrorismus ausspricht. Er geht Fragen nach wie,
"was ist metaphorische Interferenz?" (S.49)
und zeigt sich in zwischenmenschlichen Beziehungen als warmherziger Freund.

Die musikalischen Experimente und die sehr detaillierte Beschreibung, wie man einen Song komponiert, die Wortfindungen waren mir jedoch zu ausführlich und dadurch letztlich zu langatmig.
Menschen, die selbst mit Musik experimentieren und sich in diesem Gebiet auskennen, werden das zu schätzen wissen - im Gegensatz zu mir.




Sonntag, 27. August 2017

Graham Swift: Ein Festtag

- ein wunderbares, kleines Buch.

Ein Gastbeitrag von Literaturhexle


Gebundene Ausgabe, 144 Seiten
dtv Verlagsgesellschaft, 15.Mai 2017


Inhalt
Die Erzählerin ist eine sehr alte Dame jenseits der 90. Sie erzählt im Wesentlichen von einem einzigen Tag ihres Lebens, der aber sehr einschneidend gewesen ist und in Folge ihrem Leben eine neue Richtung gegeben hat.
Es ist der Muttertag 1924, von dem sie erzählt, weshalb der Roman im Original auch "Mothering Sunday" heißt und ich mich über den deutschen Titel geärgert habe...


Die Erzählerin Jane ist 1924 eine Waise und Hausmädchen bei den Nivens, wo sie die Bücher des Hausherren lesen darf und über eine überdurchschnittliche Bildung verfügt.

"Aber es stimmte, sie war klug. Klug genug, um zu wissen, dass sie klüger war als er. Immer schon, besonders am Anfang, war sie ihm an Klugheit überlegen gewesen." (S.20)

Jane unterhält seit Jahren ein Verhältnis mit Paul Sheringham, der in Kürze standesgemäß Emma Hobday heiraten wird. Der Großteil des Romans handelt von letzten Stelldichein an jenem Muttertag. Zwischendrin berichtet die Erzählerin von anderen Erlebnissen in ihrem Leben: Sie wird Buchhändlerin, schließlich Schriftstellerin und ist verheiratet mit einem Philosophen.
Doch der Muttertag bewegt sie immer noch.

Bewertung
Die eigene, feine Sprache, hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Es ist die Art Buch, die ich liebe: Eindringlich, ruhig, aber spannend mit interessanten Charakteren. So dass man sich am Ende fragt: "Was wäre gewesen, wenn..." Es hallt nach!



Meine Bewertung

"Und du sollst doch zum Ball gehen!"

Das Zitat ist dem Roman vorangestellt und erinnert an das Märchen "Aschenputtel". Ganz so schlecht ergeht es Jane nicht, doch auch sie ist verliebt in einen Prinzen. Wie Literaturhexle angedeutet hat, ist der vorliegende Roman kein Märchen, im Leben heiratet das Dienstmädchen nicht den Adligen.

"Es war März 1924. Es war nicht Juni, aber es war ein Tag wie im Juni. Es musste kurz nach zwölf Uhr mittags sein. Ein Fenster stand offen, und er ging unbekleidet durch das sonnendurchströmte Zimmer, sorglos, nackt; er wirkte wie ein Tier. Es war ja sein Zimmer. Da konnte er tun und lassen, was er wollte. Das konnte er. Und sie war noch nie hier gewesen, würde auch nie wieder herkommen. Auch sie war nackt." (S.11)

Trotzdem beeinflusst er - wie die Bücher, die Niven ihr zu lesen erlaubt - ihre Sprache, ihr Vokabular und gibt ihrem Leben eine neue Richtung: vom Dienstmädchen zur Buchhändlerin zur Schriftstellerin.

"Man nannte es >Regenerierung<, dachte sie, ein Wort, das gewöhnlich nicht im Vokabular eines Dienstmädchens vorkam. Inzwischen kannte sie viele Wörter, die nicht in das Vokabular eines Dienstmädchens passten. Auch das Wort Vokabular. Sie sammelte sie, wie die Vögel draußen, die für den Nestbau sammelten." (S.40)

Die Affäre hat ihr Leben bereichert und sie bereut nichts:
"Wir sind alle Brennstoff. Wir werden geboren, und wir brennen, manche schneller als andere. Und es gibt unterschiedliche Zündstoffe. Aber nicht zu brennen, nie zu entflammen, das wäre wahrhaftig ein trauriges Leben." (S.112)

Der Roman ist aber auch Buch über Bücher, nicht nur, dass Jane einige der Romane erwähnt, die sie geprägt haben, sie reflektiert auch über das Erfinden von Geschichten:

"Alles Fiktion! Aber etwas, das eindeutig und vollständig Fiktion war, konnte - und das war der Dreh- und Angelpunkt und das ganze Geheimnis - auch Wahrheit enthalten." (S.134)

Ein schöner Satz - ein lesenswerter Roman!

Freitag, 25. August 2017

Anna Kim: Fingerpflanzen

Erzählungen mit und nach Bildern von Kristian Evju

Paperback, 128 Seiten
Topalian & Milani Verlag, 2017

Im vorliegenden Erzählband treten die Schriftstellerin Anna Kim und der Künstler Kristian Evju in einen Dialog.
Kim ließ sich von Bildern zu Geschichten inspirieren, adaptierte Ideen auf die Bilder hin und umgekehrt schuf Evju Bilder für die Erzählungen. So finden sich neben den 6 Erzählungen auch zahlreiche Schwarz-Weiß-Bilder in der bibliophilen Ausgabe.

Die Erzählungen
Einige der Erzählungen erinnern mich an die Franz Kafkas. Wie es im Nachwort heißt, hat die Autorin "Freude an surrealer Wirklichkeitsausdehnung" (S.123). Dadurch erschließen sich die Geschichten nicht sofort, fordern zu intensiver Auseinandersetzung heraus.

In "Nasenhörner" erhält Herr Schmidt einen Brief von seiner Ehefrau, mit der er seit 3 Jahren verheiratet ist. Die Ehe wird aber nicht gelebt - trotz einer standesamtlichen Trauung.
Erst nach einem Jahr fällt Irina Kranz, der Ehefrau auf, dass ihr Mann abwesend ist, da sie alleine den Kühlschrank füllt. Aufgrund eines Geruchs geht sie von der Annahme aus, dass ihr Mann, der offenkundig nichts von der Ehe weiß, sie betrogen hat und sie nimmt sich das Recht heraus sich scheiden zu lassen. Eine überaus skurrile Situation.
Eine Allegorie auf das Leben nebeneinander ohne Liebe und Zuneigung? Ein Bild für die Kälte zwischen einem Paar? Darauf, was ein unbedachtes Wort auslösen kann? Viele Fragen, als Leser*innen dürfen wir uns die Antworten geben. Das Titelbild gehört zu der Geschichte und zeigt eine selbstbewusste Frau vor einer Schreibmaschine...

In der zweiten Erzählung "Die unerwünschte Liebe in der Montrose Street" scheint die Handlung realitätsnaher zu sein. Ein Lyriker trifft seinen immer schlecht gelaunten Lektor, der endlich auch von der Liebe befallen wird und darüber seine Arbeit vernachlässigt. Wer die junge Dame ist, bleibt vorläufig im Dunkeln. Doch die Handlung nimmt eine unerwartete Wendung und führt dem Lyriker vor Augen, dass man das Offensichtliche nicht sehen will und dass eine Liebe, für die man nicht bereit ist, Veränderungen einzugehen, verloren geht.

Meine Lieblingsgeschichten sind der "Ball der Gewichtheber" und "Die Zeitbraut", die beide mit einer überraschenden Wende aufwarten.

Im "Ball der Gewichtheber" wird ein Mann von seiner Freundin verlassen und zieht sich völlig seine neue Wohnung zurück. Wie ein Einsiedler verkriecht er sich und lauscht den Schritten vor seiner Tür, wandert nachts durch die leeren Straßen.

"Diese Leere erfreute mich, sie spiegelte die Leere wider, die ich schon seit Jahren fühlte; endlich hatte ich die Landschaft gefunden, die meiner Seele entsprach." (S.45f.)

Die überraschende Einladung zu dem "Ball der Gewichtheber" reißt ihn aus der Lethargie und Fokussierung auf die Schritte, die er vor seiner Wohnung hört.

"Die Zeitbraut" ist auf einem Bild in einem Fotoladen zu sehen. Der Inhaber erzählt, sie habe Männer vorm Altar stehen lassen, was zuvor verabredet wurde, damit andere Frauen diese Männer aus Mitleid heiraten. Eine interessante Geschäftsidee - sie selbst sei verlassen worden, am Tag ihrer Hochzeit, an dem das Foto entstanden ist. Eine traurige Geschichte, die am Ende eine unerwartete Wendung erfährt.

Die letzten beiden Erzählungen "Die Zähne" und "Fingerpflanzen" sind wieder sehr skurril. In "Die Zähne" verwandelt sich ein Mann in ein Nagetier und zieht sich aus der Gesellschaft zurück...ehrlich gesagt habe ich dazu keinen Zugang gefunden.

Anders bei den "Fingerpflanzen", in der ein Mann auf andere Lebewesen, wenn er sie mit dem Finger berührt, Arme pflanzen kann, die gleichsam mit ihm verbunden bleiben. Überall finden sich seine Spione, er selbst hat acht Arme. Eine Allegorie auf einen totalen Überwachungsstaat? Auf ein übersteigertes Kontrollbedürfnis? Auf übergriffiges Verhalten? Deutungsmöglichkeiten, die den Leser*innen Raum für Spekulationen lassen.

Anna Kim bietet keine leicht verdauliche Unterhaltung. Ihre Beobachtungsgabe ist bemerkenswert, ihre Sprache fantasievoll, klar und ansprechend.

Eine Herausforderung, zu der mich die Autorin eingeladen hat.
Vielen Dank an den Topalian & Milani Verlag für dieses Leseexemplar.





Dienstag, 22. August 2017

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

- in der Todeszone des Reaktors Tschernobyl.

Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
Kiepenheuer&Witsch, 17. August 2015

Inhalt
Baba Dunja ist eine alte Frau, die beschlossen hat, in ihr Heimatdorf Tschernowo zurückzukehren. Ein Ort, der aufgrund der Strahlenbelastung in der sogenannten Todeszone liegt. Als medizinische Hilfsschwester hat sie es nach dem Super-Gau in Tschernobyl als eine der Letzten verlassen.
Die nächste Stadt Malyschi ist weit weg und nur mit dem Bus zu erreichen - fast zwei Stunden braucht Baba Dunja inzwischen für den Weg zur Bushaltestelle.

Nach Baba Dunja sind weitere Alte zurückgekehrt oder haben sich im verlassenen, einsamen Dorf niedergelassen, wie die Melkerin Marja, deren Hahn Konstantin zu Beginn der Handlung stirbt.

"Das ist die Wahrheit. Marja hat immer mit ihm geredet. Das lässt mich befürchten, dass ich ab jetzt weniger Ruhe haben werde Außer mir braucht jeder Mensch jemanden zum Reden, und Marja ganz besonders. Ich bin ihre nächste Nachbarin, nur der Zaun trennt unsere Grundstücke." (S.8)

Lauter Einzelgänger leben in Tschernowo ihr Leben, wie der fast 100-jährige Sidorow oder der krebskranke Petrov und die Gavrilovs, die ganz für sich bleiben - und natürlich die Spinnen, die seltsame Netze weben und das Interesse von Wissenschaftlern wecken. Auch die Geister finden ihren Weg zurück in die Heimat - wie Jegor, Baba Dunjas alkoholsüchtiger Mann und der Hahn Konstantin, der auf dem Zaun thront - mit ihnen redet sie.

Baba Dunjas Kinder haben die Ukraine verlassen, ihre Tochter Irina ist Ärztin bei der Bundeswehr, ihr Sohn lebt in Amerika. Sie schreiben sich Briefe, jeder Brief ist ein Fest für Baba Dunja, doch das Wichtige bleibt ausgespart.

"Es gab eine Sache, über die wir nicht gesprochen haben. Wenn Dinge besonders wichtig sind, dann redet man nicht über sie. Irina hat eine Tochter, und ich habe eine Enkelin, die einen sehr schönen Namen trägt: Laura." (S.17)

Laura, inzwischen 17 Jahre, schreibt Baba Dunja sogar einen Brief zurück, allerdings in einer Sprache, die sie nicht lesen kann und so bleibt der Brief unverständlich - um Hilfe bittet sie nicht.

Statt dessen pflegt sie ihren Garten, Einkaufen kann man nur in der Stadt, Wasser gibt es im Brunnen und Elektrizität ist sogar vorhanden. Ein Ort, an dem die Zeit still zu stehen scheint und die radioaktive Strahlung unsichtbar bleibt.

Doch die Ruhe und vermeintliche Idylle wird von einem Vater gestört, der seine Tochter in die Todeszone bringt, um seine Frau zu erpressen. Welcher Vater ist dazu in der Lage? Baba Dunja muss einschreiten und dann ereignet sich ein Unglück, das alle Dorfbewohner zum Handeln zwingt.

Bewertung
Es ist ein stiller Roman über eine alte Frau, die ihre Heimat so sehr liebt, dass sie sich freiwillig der Strahlung aussetzt und auf einen Kontakt mit ihren Kindern und Enkeln verzichtet. Aus ihren Kindern soll etwas werden, das ist ihr wichtiger, als in ihrer Nähe zu sein. Trotzdem wirkt die Protagonistin sympathisch, "hemdsärmlig" und nach dem Unglück beweist sie großen Mut.
So einfach wie Baba Dunja daher kommt, scheint auch die Sprache Bronskys zu sein, die in klaren Sätzen das Leben im Dorf skizziert und die eigentümliche Stimmung einfangen kann.

Lesenswert!


Dienstag, 15. August 2017

Ian McEwan: Der Zementgarten

Gestörte Jugend


Taschenbuchausgabe, 208 Seiten
Diogenes, 2. Januar 1999


Die Originalausgabe erschien bereits 1978, "The Cement Garden" ist McEwans erster veröffentlichter Roman.

In der Leserunde auf whatchareadin gab zu "Der Zementgarten" einigen Diskussionsstoff. Wer die Beiträge verfolgen will, klickt hier.

Freundlicherweise wurde mir das Buch vom Diogenes Verlag als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.



Inhalt
Die Handlung wird aus der Ich-Perspektive des fast 14-jährigen Jack erzählt.

"Ich habe meinen Vater nicht umgebracht, aber manchmal kam es mir vor, als hätte ich ihm nachgeholfen. Und bis auf die Tatsache, daß sein Tod zeitlich mit einem Meilenstein in meiner eigenen körperlichen Entwicklung zusammenfiel, schien er unbedeutend, verglichen mit dem, was dann kam." (S.5)

Niemand aus der Familie scheint dem Vater, der beim Zementieren gestorben ist, wirklich nachzutrauern. Jack sagt über ihn, er sei ein "schwächlicher, jähzorniger, verbohrter Mann" (S.5), vor dem die Kinder - Julie, (16 Jahre), Sue, die jüngere Schwester und der 6-jährige Tom Angst haben, und der mit seinem jüngsten Sohn um die Gunst der Mutter konkurriert. Die Familie scheint völlig isoliert, Verwandte gibt es keine mehr und Freund*innen dürfen nicht ins Haus gebracht werden. In der Umgebung stehen vorwiegend abrissreife Häuser - Tristesse.
Seit der Vater Halbinvalide ist, kann er sich nicht mehr um seinen Steingarten kümmern, der nur wenige Blumen enthält, und diese müssen strikt angeordnet sein - keine Platz zum Spielen, kein Ort, um kindliche Kreativität auszuleben. Also soll der Garten einzementiert werden, die fantasieloseste Lösung. Während der Arbeit, bei der ihm Jack hilft, erleidet der Vater einen Herzinfarkt und fällt mit dem Kopf in den frischen Zement - er ist tot.

"Als der Krankenwagen fort war, ging ich nach draußen, um unseren Pfad anzuschauen. Ich hatte keinen Gedanken im Kopf, als ich das Brett aufhob und Vaters Abdruck in dem weichen, frischen Zement sorgfältig wegglättete." (S.22)

Trauer empfindet Jack keine, im Gegenteil, der Vater wird aus den Gedanken ausradiert. Seine Aufmerksamkeit gilt seiner älteren Schwester, die seine sexuelle Fantasie beflügelt und die er sich beim Onanieren vorstellt. Eine Tätigkeit, auf die ihn die Mutter in einem peinlichen Gespräch anspricht und ihm unterbreitet, er schade seiner Gesundheit.

"Jedesmal...wenn du das tust, brauchst du zwei Liter Blut, um es wieder zu ersetzen." (S.38)

Darüber hinaus nimmt Jack seine ruhige, stille Mutter, die in ihrer Schwäche dem Vater nichts entgegensetzen konnte, kaum wahr.
Einige Zeit nach dem Tod des Vaters wird die Mutter krank, bis sie schließlich stirbt. Vorher instruiert sie Jack, er solle gemeinsam mit Julie die Familie zusammenhalten, Verantwortung übernehmen.
Was in der Konsequenz bedeutet, dass die Kinder, den Tod der Mutter in der Öffentlichkeit geheim halten müssen - sie zementieren sie im Keller ein.
Es gibt wenige berührende Szenen im Roman. Die Situation, wenn die Kinder die Mutter in ein Laken hüllen, um ihre Leiche zu "begraben" ist eine davon:

"Als wir sie auf das Laken niederlegten, sah sie so gebrechlich und traurig aus in ihrem Nachthemd, vor unseren Füßen liegend wie ein Vogel mit einem gebrochenen Flügel, daß ich zum erstenmal über sie weinte und nicht über mich." (S.92)

Es gelingt den Kindern über die Ferien ihr Geheimnis zu bewahren, auch als Julies Freund Derek auftaucht, der mehr an dem Haus, als an Julie interessiert scheint und willens ist, die Rolle des "Familienoberhaupts" zu übernehmen. Eine Rolle, die Jack nicht aus der Hand geben will und der sich mit Julie fast in eine Art Mutter-Vater-Situation gebracht hat. Sue hält sich weitgehend aus allem heraus und schreibt ihre Gedanken nieder, ihrer Tagebuchaufzeichnung ist es zu verdanken, dass die Leser*innen auch einen Außenblick auf Jack erhaschen, der seine Hygiene seit dem Tod der Mutter eingestellt hat - bis ein fauliger Geruch aus dem Keller steigt....

Bewertung
Ian McEwan sagt in einem Interview über "Der Zementgarten", dass er die Abgründe der Jugend sezieren wollte. Das ist ihm hervorragend gelungen.
In der Familie herrschen verstörende Beziehungen und Verhaltensweisen. Die Doktorspiele zwischen Julie, Sue und Jack sind ebenso befremdend wie Julies und Sues Versuche aus Tom eine kleines Mädchen zu machen. Da die Familie so abgeschottet ist, der Vater dominant und kaltherzig, die Mutter schwach, scheinen die Kinder Liebe und Zuneigung nur untereinander zu finden. Andererseits geht es oft um Macht und wer als Gewinner aus der Konfrontation hervorgeht.
Tom, als das schwächste Familienmitglied wird Opfer des Machtmissbrauchs. Indem er wieder in infantile Verhaltensmuster verfällt, erhält er zwar Aufmerksamkeit, andererseits wird früh ins Bett geschickt, muss tun, was Julie und Jack sagen.
Die vermeintliche Freiheit der Kinder entpuppt sich als Trugschluss. Jack äußert gegenüber Julie, es sei ihm, als ob er schlafe (S.199). Und genau so liest es sich, wie ein zähflüssiger Alptraum und man wünscht sich, dass diesem Traum von außen ein Ende gemacht wird. Denn wirklich glücklich ist keiner der Kinder. Jack onaniert, um die Gegenwart zu vergessen, Tom flüchtet sich in sein Kleinkindverhalten, Sue in ihre Gedankenwelt und Julie in eine vermeintliche Liebesgeschichte.
Beziehungen sezieren, das wolle er, sagt Ian McEwan ebenfalls in dem Interview. "Der Zementgarten" ist dieser Hinsicht messerscharf.