Freitag, 18. Mai 2018

Joel Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

- ein (Kriminal-) Roman mit überraschenden Wendungen.

Quelle: pixabay
Dieser Roman ist im Forum whatchaReadin schon mehrfach sehr positiv, geradezu euphorisch besprochen worden. Schon lange steht er auf meiner Wunschliste, diesen Monat habe ich mein Audible-Abo genutzt, um ihn endlich zu hören. Die Erwartungen waren hoch und sind noch übertroffen worden!


Worum geht es?
Marcus Goldman ist ein erfolgreicher Schriftsteller, gerade (Oktober 2008) hat er einen Roman über den Fall Harry Quebert geschrieben und wird überall in New York auf der Straße auf sein Buch angesprochen, das für Aufsehen gesorgt hat.

Wer ist dieser Harry Quebert?
Ein ebenfalls berühmter Schriftsteller, Marcus´ ehemaliger Dozent und sein Freund, der zurückgezogen an der Ostküste der USA, im Städtchen Aurora lebt. Der Kontakt zwischen den beiden ist nach Marcus Erfolg abgebrochen. Als er eine Schreibblockade hat und ihm jegliche Inspiration für einen neuen Roman fehlt, besucht er Harry, der ihn zu dem gemacht hat, was ihn als Schriftsteller auszeichnet.

Im Roman eingebettet sind immer wieder Lektionen, die Harry Marcus erteilt hat - rücklaufend von Lektion 31 bis zu Lektion eins, die das Ende eines Romans thematisiert und gleichzeitig den Schlusspunkt des vorliegenden Romans einleitet.

Während der Werdegang des Schriftstellers Marcus zunächst im Vordergrund steht, entwickelt sich die Geschichte unversehens zu einem Kriminalfall, denn ein schreckliches Ereignis erschüttert das Städtchen Aurora. Während Marcus Aufenthalt im Sommer 2008 wird in Harrys Garten die Leiche der schönen Nola gefunden, jenes 15-jährigen Mädchens, das am 30.August 1975 spurlos verschwunden ist. Da beim Skelett nur eine Tasche mit dem getippten Manuskript von Harrys erstem großen Roman "Der Ursprung des Übels" zusammen mit einer persönlichen Widmung - Adieu, allerliebste Nola - gefunden wird, landet Harry in Untersuchungshaft und soll des Mordes angeklagt werden.
Harry beichtet Marcus, dass er eine Beziehung zu dem 15-jährigen Mädchen in jenem Sommer hatte, beteuert aber seine Unschuld. In den Gesprächen zwischen den beiden im Gefängnis, die Marcus aufnimmt und die die Grundlage seines Romans werden, rekonstruiert Harry die außergewöhnliche Liebesgeschichte der beiden und malt ein leuchtendes Bild des Mädchens, in das er sich unsterblich verliebt hat und die ihn zu seinem Roman inspiriert hat, der von einer unmöglichen Liebe erzählt und Briefe enthält, die die beiden sich geschrieben haben.

Was ist an jenem Abend des 30.August 1975 geschehen, an dem nicht nur Nola verschwunden ist, sondern auch eine alleinstehende Witwe erschossen wurde? Sie hatte die Polizei informiert, dass ein Mann Nola in den Wald folge. Eine Weile später erreichte die Wache ein weiterer Anruf der Witwe, das Mädchen habe sich zu ihr geflüchtet. Als die Polizisten in ihrem Haus eintreffen, ist sie tot und Nola verschwunden - ein schwarzer Chevrolet Monte Carlo ist die einzige Spur, die die Polizei verfolgen kann - ohne Erfolg.
Marcus glaubt fest an die Unschuld seines Mentors und stellt eigene Nachforschungen in Aurora an, zuerst gegen den Willen des Ermittlers der Staatspolizei Gaholowood, bis er diesen mit seinen Ergebnissen überredet, fortan zusammenzuarbeiten. Letztlich überzeugen ihn die Drohbriefe, die Marcus erhält und die ihn auffordern zu verschwinden.
Wer hat ein Interesse daran, dass er keine Nachforschungen anstellt?Welche Rolle spielt der reiche  Geschäftsmann Stern und dessen Fahrer, der sich oft in Aurora herumgetrieben hat? Welche Rolle spielen Nolas Eltern, warum ist die Familie 1969 von Alabama nach Aurora umgezogen?
Marcus "wühlt" tief in der Vergangenheit, befragt Tamara Quinn, in deren Bar Harry Teile seines Romans geschrieben hat, weil Nola dort gearbeitet hat. Und deren Tochter Jenny unsterblich in Harry verliebt gewesen ist. Viele Fragen, denen Marcus und Gaholowood nachgehen. Immer neue Details werfen jeweils ein völlig anderes Licht auf den Fall, so dass man nicht mehr weiß, was denn die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist.

Nach vielen Irrungen, Wirrungen und unvermuteten Wendungen offenbart das Ende eine überraschende Antwort auf alle offenen Fragen.

Bewertung
Glaubt man zunächst, der Roman erzähle vom Werdegang eines Autors, vom Schreiben eines Buches, von den Problemen, die nach dem ersten großen Erfolg auftreten, vom Überwinden dieser Krise bis hin zum nächsten großen Erfolg, so überrascht die Wendung hin zu einem Kriminalfall um das mysteriöse Verschwinden von Nola und dem Fund der Leiche nach über 30 Jahren.

In den Vordergrund rückt die Frage, was an jenem 30.August 1975 wirklich geschehen ist und welche Ereignisse im Vorfeld dazu geführt haben. Viele Umwege gehen wir gemeinsam mit Marcus, immer wieder neue Hypothesen werden formuliert, verworfen, neue Details zwingen zum Umdenken.

Beim Hören fällt die außergewöhnliche Struktur des Romans nicht ins Auge, aber die Kombination aus dem Erzählstrang der Gegenwart, den vielen nicht chronologischen Rückblicken in die Vergangenheit aus den unterschiedlichsten Perspektiven, die sich durchaus widersprechen und die Aufnahmen, die Marcus macht, um seinen Roman über den Fall Harry Quebert zu schreiben, sowie die Lektionen sorgen zusätzlich für Spannung und Abwechslung.

Offene Fragen werden selten sofort beantwortet - meist erfolgt dann ein Rückblick oder ein weiterer Umweg. Die vielen Wiederholungen haben mich beim Hören nicht gestört - im Gegenteil, ich war dankbar dafür, so habe ich den Überblick nicht verloren. Und das Ende ist wirklich überraschend!

Und da ist ja noch die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen der 15-Jährigen und dem über 30 Jahre alten Harry Quebert, der in Nola die Liebe seines Lebens und seine Muse gefunden hat. Auch diese Beziehung und Nola erscheinen immer wieder in einem neuen Licht.

Torben Kessler, der mich beim Hörbuch "Unter der Drachenwand" nicht überzeugt hat, liest diesen Roman so hervorragend, dass ich definitiv auch "Die Geschichte der Baltimores" hören möchte. Das soll noch besser sein.
Das mag ich nach diesem großartigen Roman fast nicht glauben, ob der noch zu übertreffen ist?

Hörbuch
20 Stunden 21 Minuten
gelesen von Torben Kessler

Sonntag, 13. Mai 2018

Karl Ove Knausgard: Im Herbst

- Briefe an die ungeborene Tochter.

Der Roman ist mir auf dem Bloggerportal förmlich ins Auge gesprungen, ich habe ihn tatsächlich wegen des schönen Covers und der Aussicht, Reflexionen eine werdenden Vaters zu lesen, angefordert.  Das, was ich letztlich erhalten habe, hat meine Erwartungen enttäuscht, auch wenn der Autor "als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart" gilt. (Buchumschlag)

Von einer Inhaltsangabe kann ich bei diesem Roman absehen. Genau genommen ist eigentlich keiner, sondern es sind fiktive (?) Briefe an ein ungeborenes Kind, kombiniert mit Betrachtungen zu verschiedenen Gegenständen, Ideen und Gefühlen, die in kleinen Kapiteln (2-3 Seiten) Anlass für Reflexionen und Erinnerungen bieten.

Im ersten Brief gibt der Autor eine Begründung dafür, warum er dieses Buch schreibt:

"Ich will dir die Welt zeigen, wie sie ist und wie sie uns umgibt, die ganze Zeit. Nur indem ich das tue, kann ich selbst sie sehen. Was macht das Leben lebenswert?" (18)

Der Titel "Im Herbst" sowie die Einteilung des Buches in September, Oktober, November suggerieren, dass die betrachteten Gegenstände etc. alle etwas mit dem Herbst zu tun haben, wie die Überschriften Äpfel, Wespen, Stoppelfelder und Vogelzug belegen. Das ist jedoch nur teilweise der Fall, denn es finden sich auch Betrachtungen zu Plastiktüten,

"Die Eigenschaft der Erde sich alles, was in ihr landet, anzuverwandeln, gilt nicht für Plastik, das so hergestellt ist, dass es alles abstößt" (31),

Schweinswalen, Pisse (!) oder Rahmen,

"denn Mensch zu sein, heißt zu kategorisieren, einzuteilen, zu identifizieren und zu definieren, zu begrenzen und einzurahmen." (68)

Viele Reflexionen sind durchaus interessant zu lesen - zum Beispiel zur Bienenzucht. Sie bieten neue Blickwinkel an, geben Denkanstöße und vermitteln Wissen, wie das Kapitel zum Beginn der Fotografie. Aber da keine Geschichte erzählt wird, sondern ausschließlich Gedanken, Wissen und Erinnerungen des Autors zu verschiedenen Themenfeldern wiedergegeben werden, ermüdet man beim Lesen sehr schnell. Ich kann mir vorstellen, dass es ein Buch ist, in dem man immer mal wieder herumblättert, um das ein oder andere Kapitel zu lesen.

Und die Bilder?
Als absoluter Laie im Bereich der Kunst, maße ich mir da kein Urteil an. Die Illustrationen zu den Monaten, das Cover finde ich wirklich schön, mit zwei Bildern zwischen den Kapiteln kann ich dagegen gar nichts anfangen.

Bewertung?
Ich glaube nicht, dass ich mich noch einmal an den Autor heranwage, auch wenn ich ihm damit Unrecht tue.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 286 Seiten
Luchterhand, 2017




Montag, 7. Mai 2018

Melanie Raabe: Die Wahrheit

- ein packender Psychothriller.

Auch diesen Roman hat meine Tochter für mich ausgesucht und goldrichtig gelegen. Er entwickelt einen regelrechten Sog, so dass ich den Thriller im letzten Drittel nicht mehr aus der Hand legen konnte.


Worum geht es?
Vor sieben Jahren ist Philipp Petersen verschwunden. Als reicher Geschäftsmann war er in Südamerika unterwegs und seine Spur verliert sich auf dem Weg vom Hotel zu einem Meeting.
Aus der Ich- Perspektive Sarahs, seiner Frau, ist ein Teil des Romans erzählt:

"Seither halte ich die Pausen-Taste meines Lebens gedrückt und warte auf ihn. Sieben Jahre Hoffen und Bangen und ein Gefühl absoluten Verlorenseins, das manchmal so stark war, dass ich am liebsten jede Erinnerung an Philipp aus meinem Gedächtnis getilgt hätte." (12)

Halt gibt ihr der achtjährige Sohn Leo, ihre Stelle als Lehrerin und einige wenige Freunde, die sie in Hamburg hat. Sie lebt in dem Haus, das ihre Schwiegermutter ihrem Sohn überlassen hat - eine kühle hanseatische Stadtvilla in Beige, in dem sie sich nicht wohl fühlt.

Und doch geht das Leben weiter, sie lässt sich die Haare abschneiden 🙂 - der Klassiker - und verabredet sich mit einem Arbeitskollegen. Es scheint, als könne sie allmählich zur Normalität zurückfinden, auch wenn sie immer wieder von einem Alptraum geplagt wird.

Im Rückblick erfahren wir aus Philipps Sicht etwas über den Tag der Abreise und darüber, dass die Ehe nicht so rosarot erscheint, wie es uns Sarah bisher verkauft hat - wer sagt die Wahrheit?
Das Kapitel endet damit, dass man nicht weiß, ob Philipp wirklich in den Flieger nach Südamerika gestiegen ist.

In der Gegenwart erhält Sarah einen Anruf, dass Philipp zurückkommt - er wurde befreit und lebt - gerade in dem Moment, als sich ihr Leben wieder zu normalisieren scheint. Voller Anspannung fährt sie am Tag seiner Ankunft zum Flughafen.

"Mein Blick ist starr auf die Flugzeugtür gerichtet, und als sich für einen kurzen Augenblick lang gar nichts tut und ich schon denke, dass alles nur ein Irrtum war, dass irgendetwas furchtbar schief gegangen ist, dass Philipp sich gar nicht in diesem Flugzeug befindet, dass dieses Flugzeug leer ist, keine Piloten, keine Crew, keine Passagiere, ein Geisterflug - da geschieht es. Eine kleine Gruppe von Menschen tritt nach und nach durch die Tür (...) Wo ist Philipp?" (71)

Ein Fremder tritt auf Sarah zu und völlig verwirrt, sprachlos und angespannt, bringt sie nur den Satz heraus, den sie sich zurecht gelegt hat: "Schön, dass du wieder da bist." (76)

Es stellt sich heraus, dass außer Sarah und einem Geschäftspartner, der gerade im Ausland ist, keiner aus ihrem Umfeld Philipp kennt und weiß, wie er wirklich ist und aussieht. Seine Mutter leidet an Demenz. Wer soll ihr glauben, nachdem sie Philipp am Flughafen als ihren Mann begrüßt hat und er Leo auf den Arm genommen hat. Wer glaubt ihr die Wahrheit?

Abwechselnd aus Sarahs Persepektive und der Ich-Perspektive des Fremden geht die Farce weiter und als Leser*in fragt man sich, warum Sarah nicht einfach die Polizei anruft.

"Er ist wie eines dieser Tiere, die in ein fremdes Ökosystem eindringen und es von innen heraus zerstören." (128)

Raabe gelingt es, dass man beim Lesen permanent Hypothesen bildet, die kontinuierlich widerlegt werden, bis am Ende eine völlig plausible Wahrheit steht und deutlich wird, dass die Ich-Perspektive das Geschehen nicht immer verlässlich erzählt.

Bewertung
Der Roman ist sehr spannend und hält gleich mehrere ungewöhnliche Wendungen bereit. Zwischendrin zweifelt man der Glaubwürdigkeit der Geschichte, doch am Ende passt - zumindest für mich - alles zusammen. Es ist wahrhaftig ein Psychothriller, da die Wahrnehmung und das Verdrängen eine große Rolle im Roman spielen.
Die Ich-Perspektive aus den unterschiedlichen Sichtweisen sorgt zusätzlich dafür, dass man immer wieder auf eine falsche Fährte gelockt wird.
Der innere Monolog eröffnet die Möglichkeit in die Gedanken der beiden Antagonisten hineinzuschauen, teilweise werden diese jedoch zu ausführlich geschildert, so dass ich, wenn mir die Erzählzeit all zu sehr "gedehnt" wurde, auch mal quer gelesen habe, weil ich wissen wollte, wie die Handlung weiter geführt wird.

Insgesamt ein gut konstruierter, glaubwürdiger Thriller, der sehr unterhaltsam ist.

Buchdaten
Taschenbuchausgabe, 440 Seiten
btb, 29.August 2016

Vielen Dank an den Verlag für das Lese-Exemplar.

Samstag, 5. Mai 2018

Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Für alle, die eigene Wege gehen und überall kleine Feuer legen (5)

Leserunde auf whatchaReadin

Nachdem ich im letzten Jahr den Roman "Was ich euch nicht erzählte" von Ng gelesen habe, wusste ich sofort, dass ich bei dieser Leserunde mitmachen muss. Der Roman beginnt mit einem unerwarteten Ereignis, um dann sukzessive aufzudecken, wie es dazu kommen ist. Den gleichen Aufbau der Handlung hat Ng schon erfolgreich in ihrem letzten Roman angewandt.
Das Buch ist spannend bis zur letzten Seite und so vielfältig, dass ich in dieser Rezension nicht alles aufführen kann. Die Fülle der Beiträge innerhalb der Leserunde zeugen davon, dass er für Diskussionsstoff sorgt.

Worum geht es?

"In jenem Sommer redeten alle in Shaker Heights darüber, wie Isabelle, das jüngste Kind der Richardsons, endgültig durchdrehte und das Haus abfackelte. Während das ganze Frühjahr über die kleine Mirabelle McCullough Gesprächsthema gewesen war - beziehungsweise, je nachdem, auf welcher Seite man stand, May Ling Chow-, gab es endlich neuen aufregenden Gesprächsstoff." (9)

Bereits dieser erste Satz enthält den Kern der ganzen Geschichte. Hat Isabelle tatsächlich das Haus ihrer Eltern angesteckt? Warum sollte sie dies tun?

"Der Feuerwehr zufolge waren es kleine Feuer überall" (15).

Und wer ist die kleine Mirabelle McCullough oder May Ling Chow?

Die Handlung springt ein Jahr zurück, zu dem Zeitpunkt, wenn die Fotokünstlerin Mia Warren mit ihrer 15-jährigen Tochter Pearl das kleine Haus an der Winslow Road von Mrs Richardson mietet, die Journalistin der Lokalzeitung ist. Ihr Mann, ein angesehener Anwalt, und die vier Kinder Lexie, Trip, Moody und Isabelle (12.,11.,10, und 9.Klasse) bilden die zur gehobenen Mittelschicht gehörende Familie Richardson, die in einem großen Haus in Shaker Heights, Ohio, lebt und der es an nichts mangelt.

Shaker Heights, das tatsächlich existiert und in dem die Autorin Ng selbst aufgewachsen ist, ist eine auf dem Reißbrett entstandene Stadt, in der es viele Regeln gibt.

"Dahinter stand die Überzeugung, dass sich Unschickliches, Unangenehmes und Katastrophales vermeiden ließ, wenn man alles nur gut durchdachte." (20)

Moody, der in die gleiche Klasse wie Pearl geht, unterscheidet sich von seinen zunächst oberflächlich und selbstbewusst erscheinenden älteren Geschwistern Lexie und Trip. Während in Shaker Heights niemand Rad fährt, sondern alle mit dem Auto unterwegs sind, widersetzt er sich diesem ungeschriebenen Gesetz und benutzt ein altes Fahrrad ohne Gangschaltung.
Neugierig auf die neuen Mieter besucht er sie und freundet sich mit der gleichaltrigen Pearl an.

"In seinem Leben gab es jetzt ein Davor und ein Danach, und er würde beide immer miteinander vergleichen." (31)

"Ihr vagabundierender, unkonventioneller Lebensstil gefiel ihm, denn im Inneren war Moody ein Romantiker." (42)

Bisher ist Mia immer dann umgezogen, wenn sie ein neues Fotoprojekt abgeschlossen hat. Mit Gelegenheitsjobs überbrückt sie finanzielle Engpässe, bis ihre Galeristin Anita in New York eines ihrer Fotos verkauft hat. Doch jetzt will sie bleiben, das verspricht sie Pearl, die zum ersten Mal wagt, Bindungen einzugehen.

Moody nimmt sie mit zu seiner Familie, zu Lexie und Trip, die nachmittags auf dem Sofa lümmeln, sich gemeinsam Jerry Springer ansehen und darüber streiten.

"Diese Familie verwirrte sie: mit ihrem lässigen Selbstbewusstsein, ihrer offenkundigen Zielstrebigkeit, egal zu welcher Tageszeit. Wenn Moody sie einlud, verbrachte sie Stunden bei ihnen" (47).

Lexie nimmt Pearl unter ihre Fittiche, geht mit ihr "shoppen", nimmt sie mit zu einer Party, auf der sie sie allerdings stehen lässt.
Während sich Pearl in den gut aussehenden Trip verliebt, der sie zunächst kumpelhaft behandelt, entwickelt Moody mehr als freundschaftliche Gefühle für Pearl - eine Konstellation, die für Konflikte sorgen wird.

Nur Isabelle scheint außerhalb dieser Beziehungen zu stehen, sie fällt aus dem Familien-Rahmen:

"Mit zehn war Izzy verhaftet worden, als sie sich in die Humane Society eingeschlichen hatte, um sämtlich streundenden Katzen zu befreien." (54)

Isabelle war eine Frühgeburt, so dass Mrs Richardson von Anfang an Angst um sie gehabt hat, bei "Izzys Anblick überkam sie jedes Mal das Gefühl, dass alles außer Kontrolle geraten konnte wie ein Muskel, den man nicht entspannen konnte." (129)

Ihre permanenten Sorgen um die jüngste Tochter arten mit der Zeit in einen Groll aus, da sich Izzy der Kontrolle entzieht und sich den Grenzen der Mutter, die diese aus Angst gezogen hat, widersetzt.

Während sich Pearl am liebsten bei den Richardsons aufhält, ist es bei Isabelle umgekehrt. In einem Anflug von "Güte" stellt ihre Mutter Mia als Haushälterin ein, die morgens und abends sauber macht und Essen vorbereitet, damit sie den Rest der Zeit an ihren Projekten arbeiten kann. Ein Angebot, das Mia annimmt, um ihre Tochter im Auge zu behalten. Als Izzy von der Schule suspendiert wird, erzählt sie Mia die wahre Geschichte, deren Frage:  "Was willst du jetzt tun?" (98), bringt sie aus dem Konzept.

"Aus diesen Worten sprach die Erlaubnis, etwas zu tun, das man ihr immer verboten hatte: eine Sache selbst in die Hand zu nehmen und Ärger zu machen." (98)

Izzy fühlt eine Verbundenheit zu Mia und bietet ihr an ihre Assistentin zu werden, so dass die Bande zwischen den unterschiedlichen Familien enger werden.

Zwei Ereignisse forcieren die folgende Handlung:
1. Während eines Museum-Besuches entdeckt Pearl eine Fotografie der bekannten Künstlerin Pauline Hawthorne, auf dem ihre Mutter gemeinsam mit ihr als Baby zu sehen ist. Izzy bittet daraufhin, ihre Mutter herauszufinden, wie das Bild ins Museum kommt.

2. Die kleine Mirabelle, die bereits im ersten Satz des Romans Erwähnung findet, wurde von ihrer Mutter vor die Tür einer Feuerwache(!) gelegt. Das wohlhabende Ehepaar McCullogh, die seit Jahren versucht Kinder zu bekommen, hat die Kleine bei sich aufgenommen und bereits ein Adoptions-Verfahren eingeleitet. Per Zufall kennt Mia jedoch die leibliche Mutter -Bebe, eine Chinesin, die ihr Kind gerne zurück hätte, da sich ihre verzweifelte Lebenslage verbessert hat, die jedoch von Seiten der Behörden keinerlei Unterstützung erhält.

"Mit dem Zurücklassen des Kindes, erklärte ihr die Polizei, habe sie ihre Recht verwirkt." (141)

Mia informiert Bebe über den Verbleib ihres Kindes und entfacht damit einen Feuersturm, in den sie selbst gerät. Denn jetzt ist Mrs. Richardson, die auf der Seite ihrer besten Freundin Linda McCullogh steht, bestrebt, das Geheimnis um Mias Foto zu lüften.


Bewertung
Dieser Roman ist so vielschichtig, dass ich nur einige Fragen aufwerfe, vor die man bei der Lektüre gestellt wird und die mich lange beschäftigt haben:

Warum wühlt Mrs Richardson in Mias Leben und besucht sogar deren Eltern. Eine übergriffige Handlung, wie kann sie das vor sich selbst rechtfertigen?

"Nicht einmal vor sich selbst würde sie zugeben, dass es gar nicht um das Baby gegangen war. Es war um etwas Kompliziertes gegangen, um das dunkle Unbehagen, das diese Frau in ihr auslöste und das Mrs Richardson lieber unter Verschluss gehalten hätte." (161)

Der Roman stellt mit Shaker Heights und den Richardsons auf der einen Seite und der Künstlerin Mia auf der anderen Seite zwei konträre Lebensentwürfe gegenüber und Mrs Richardson muss sich so mit ihren Lebensentscheidungen und ihrem dunklen Unbehagen, den Grautönen auseinander setzen.

"Warum sollte jemand anders leben wollen als Sie?" (344)

Die Protagonisten des Roman werden immer wieder vor ein moralisches Dilemma gestellt:
Zu wem gehört die kleine Mirabelle oder May Ling Chow? Zu ihrer biologischen Mutter oder zu der Familie, die ihre die besten Lebenschancen geben kann und sie auch von Herzen liebt?
Und was ist mit ihrer Kultur? Ihrer chinesischen Herkunft? Wie soll der Richter entscheiden?
Hat die Mutter mit dem Aussetzen des Kindes ihr Recht verwirkt? Hat sie eine 2.Chance verdient?

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht einfach zu geben und werden von den Beteiligten ausführlich diskutiert - es gibt immer mehrere Sichtweisen und nicht immer helfen Regeln weiter.

"Das Problem mit Regeln aber war, (...) dass sie eine richtige und eine falsche Handlungsweise voraussetzten. Meistens war es doch aber so, dass kein Weg ganz falsch und ganz richtig war und man sich eher auf einer Gratwanderung befand." (307)

Alle Figuren begeben sich auf diesen schmalen Grat und müssen wichtige Entscheidungen treffen oder haben sie bereits getroffen und müssen jetzt mit den Folgen leben.
Daneben steht auch das Beziehungsgeflecht zwischen den Jugendlichen mit Verliebtsein, Freundschaft, erstem Sex, Trennung und Verrat im Zentrum des Romans.

Und dann bleibt die Frage, wer die kleinen Feuer gezündet hat. War es wirklich Izzy und warum sollte sie das tun?

Last but not least, die wunderbare Sprache, die zum Mitfühlen einlädt - und jetzt ist Schluss.
Meine Empfehlung, den Roman lesen! Es lohnt sich.

Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 384 Seiten
dtv, 20. April 2018



Montag, 30. April 2018

Susanne Jansson: Opfermoor

- spannender, atmosphärischer Krimi aus Schweden.



Wer meinen Blog verfolgt, wird bemerken, dass sich in letzter Zeit die Krimis häufen. In Stress-Zeiten sind sie eine willkommene Ablenkung, aber das wird sich demnächst hoffentlich wieder ändern. Diesen Roman hat meine Tochter für mich ausgesucht, die meine Vorliebe für skandinavische, etwas mysteriöse Krimis kennt.
Das Cover wird auch eine Rolle gespielt haben ;)


Worum geht es?

"Die Wahrheit über die tatsächlichen Ereignisse in diesem Haus löste sich ohnehin recht bald auf." (9)

Nathalie Ström, 26 Jahre alt und Biologin, kehrt nach 14 Jahren nach Mossmarken zurück. Angeblich, weil sie für ihre Doktorarbeit im Hochmoor Messungen durchführen möchte.

Das Moor hat eine gewisse Berühmtheit erlangt, weil ebenfalls vor 14 Jahren - im Jahr 2002 - dort die Leiche eines jungen Mädchens aus der Eisenzeit entdeckt wurde - das Preiselbeermädchen. Eine Opfergabe an das Moor.

In der Folge dieser Entdeckung hat es auch in Nathalies Leben ein bedeutendes Ereignis gegeben, dass sie dazu veranlasst hat, den Ort ihrer Kindheit zu verlassen und neu anzufangen.

"Im Laufe der Zeit richtete sie ihr Dasein immer mehr darauf aus, Experimente zu planen und sich in Forschungsverläufe zu vertiefen. Diese Tätigkeit versetzte sie jedoch nicht nur in Freude und Aufregung, sondern in einen Zustand äußerster Gelassenheit. (...) Ein Sicherheitsnetz aus fundamentalen Axiomen und einer erfreulich überschaubaren Komplexität fing sie nach all den unbegreiflichen Ereignissen, die ihre Kindheit zerstört hatten, auf." (S.43)

Sie mietet ein kleines Haus, das zum Gutsbesitz Mossmarken gehört, und richtet sich in der Einsamkeit ein, bis sie den Kunststudenten Johannes kennen lernt, der jeden Morgen an ihrer Hütte vorbei läuft - hinein ins Moor. Er bietet ihr an, sie bei den Messungen zu unterstützen und zu ihrem eigenen Erstaunen nimmt sie an.
Dann wird Johannes im Moor niedergeschlagen, was wir bereits im Prolog lesen können, und Nathalie findet ihn, bevor er versinkt. In seiner Tasche wird ein Beutel mi 100 Zehnkronestücken gefunden. Sollte er geopfert werden?

Inspektor Leif Berggren nimmt die Ermittlungen auf und wird dabei von der bekannten Fotografin Maya Lindes unterstützt, die auch aus der Gegend stammt und nebenberuflich als Polizeifotografin arbeitet.
Unter dem Vorwand Porträts von den Anwohnern zu machen, lernt sie die Menschen, die um das Moor leben, kennen - auch den skurrilen Göran, der fest an Gespenster glaubt und beweisen kann, dass in den letzten Jahren bereits mehrere Menschen im Moor verschwunden sind.

Durch einen Zufall entdeckt Maya tatsächlich einen der Verschwunden im Moor, in dessen Taschen ebenfalls ein Beutel mit Zehnkronenstücken gefunden wird.
Während Maya und Leif nach Verdächtigen fahnden, verbringt Nathalie viel Zeit im Krankenhaus, am Bett von Johannes, der im Koma liegt und tastet sich Schritt für Schritt in ihre eigene Vergangenheit zurück, die mit den Opfermorden zusammenhängt.

Bewertung
Eine in vielerlei Hinsicht lohnende Lektüre:

- Spannung pur, vor allem im letzten Drittel fiel es mir schwer, den Krimi aus der Hand zu legen.
- Unerwartete Wendung am Ende, die aber völlig schlüssig ist.
- Interessante Informationen über Moore und deren historische und geologische Bedeutung.
- Ich habe viel über die Konservierung von Moorleichen gelernt.
- Philosophische Diskussionen, die ich leider aufgrund der zunehmenden Spannung querlesen musste ;)

Vielen Dank an das Bloggerportal für das Lese-Exemplar.

Buchdaten
Taschenbuch, 320 Seiten
C.Bertelsmann, 2018

Donnerstag, 26. April 2018

Judith Hermann: Alice

- fünf Erzählungen über das Sterben.

Lesen mit Mira

"Es hatte sich so ergeben, daß Micha in Zweibrücken im Sterben lag. Zwei Brücken, für Alice klang das poetisch, war aber ein schiefes Bild, weil es für den Sterbenden, wenn überhaupt, doch nur eine Brücke gab." (8)

Alle fünf Erzählung haben als Titel den Namen des Mannes, der in der Erzählung stirbt oder bereits gestorben ist. Zu all diesen Männern hat Alice einen Bezug. Über ihre Auseinandersetzung mit dem Tod erschließt sich für uns ein Bild von Alice vage bleibt - typisch für Judith Hermann, von der ich vor langer Zeit die Erzählungen "Sommerhaus, später" gelesen habe. Die Leser*innen sind gefordert die Lücken selbst zu füllen und sich mit dieser Frauenfigur  und deren Begegnungen mit dem Tod auseinander zu setzen.

Micha
"Die Geschichte zwischen Micha und Alice war zu lange her, um irgendein Recht behaupten zu können." (14)
Micha hat Krebs im Endstadium und liegt im Krankenhaus in Zweibrücken, weit weg von seinem Wohnort Berlin. Maja, seine derzeitige Lebensgefährtin, bittet Alice um Hilfe. Mit einem Kleinkind, das noch nicht laufen kann, gelingt es ihr nicht die Situation vor Ort zu meistern.
Dass Alice kommt und sich um Majas Kind kümmert, ihr beim Umzug in eine größere Wohnung hilft, Micha im Krankenhaus besucht und da ist, zeigt ihre Hilfsbereitschaft, Empathie und auch, dass Alice ihn einmal sehr geliebt haben muss.
Wenn Hermann die Wohnung beschreibt, in die die beiden Frauen und das Kind umziehen, sowie die beiden Vermieter, gelingt es ihr in wenigen Sätzen deren ebenso Spießigkeit einzufangen wie die Zudringlichkeit des Mannes.

"Sie drehte probehalber den Wasserhahn auf und wieder zu, dann stand der Mann hinter ihr. Er umfaßte sie, legte seine Hände um ihre Hüften und zog sie an sich ran, er hielt sie so, dann schob er sie zur Seite, ließ los. Er sagte, die Tabletten für den Geschirrspülautomaten sind hier unter der Spüle, deutete irgendwohin." (24)

Conrad
In der 2.Geschichte besucht Alice gemeinsam mit ihrer Freundin Anna und dem Rumänen, Conrad und dessen Frau Lotte am Gardasee. Die beiden sind über "ein Vierteljahrhundert älter als Alice" (53), woher sie sich kennen, wird nicht erzählt. Conrad hat Alice mit ihren Freunden eingeladen, ist jedoch krank, als sie ankommen. Man ahnt schon, dass auch Conrad sterben wird.

Die Begegnungen zwischen Alice und den Sterbenden verlaufen fast alle schweigend, doch die beschriebenen Gesten offenbaren die Gefühle und sprechen das Unsagbare aus:

"Conrad hob die Hand und berührte Alice Gesicht. Er hatte das noch nie getan. Er legte den Rücken seiner Hand kurz an Alice Wange, kniff sie leicht, als wäre sie ein Kind. Er sagte nachdenklich, weißt du, ich habe gedacht, ich wäre unverwundbar. Das habe ich gedacht." (78)

Und Alice fragt sich, wie Micha und Conrad im Leben gewesen waren, was bleibt von ihnen, wenn sie gestorben sind?

Richard
Alice hat inzwischen einen Lebensgefährten - die Erzählungen sind chronologisch geordnet - Raymond, der in der letzten Erzählung, die seinen Namen trägt, gestorben sein wird.

Richard ist der Mann einer Freundin, der im Sterben liegt und den Alice besuchen will.

Hermanns Sprache kommt fast ohne Adjektive aus, in kurzen, knappen - oft unvollständigen Sätzen gelingt es ihr die Atmosphäre eines Ortes einzufangen, die die innere Befindlichkeit der Figuren widerspiegelt.

"Eine Straße im Juni an einem Samstagnachmittag, Alice fand die Straße sonntäglich, etwas daran erinnerte sie an die Sonntag ihrer Kindheit, an die langgezogenen, von irgendwas pulsierenden Sonntage im Sommer, so als wäre immer alles kurz vor einem Gewitter gewesen. Darauf warten. Auf das Gewitter warten." (104)
"Das Haus, in dem Richard lebte, stand auf der rechten Seite der Straße. Die rechte Seite lag im Schatten. Alice sah zu Richards geschlossenen Fenstern hoch und dachte, in einem Bett in einem Zimmer dieser Wohnung in diesem in dieser Straße liegt einer, den ich kenne, und stirbt." (104)

Warten auf den Tod und ein letzter Besuch, so könnte man die ersten drei Erzählungen überschreiben. Daneben stellt sich Alice die Frage, ob sie im Angesicht des Todes, alles anders hätte machen sollen. Weil so schnell vorbei sein kann.

In den letzten beiden Erzählungen setzt sich Alice mit dem Tod von Malte, einem Onkel, den sie nie kennen gelernt hat und der Selbstmord begangen hat, und dem Tod Raymonds auseinander.
Alice weiß nicht, warum Malte sich das Leben genommen hat, aber sie ist auf der Suche nach Antworten und bittet einen alten Freund Maltes um ein Treffen. Sie will aufräumen mit ihren Vermutungen.

"Diese Vermutung fallenlassen, sich statt dessen eine andere suchen. Zusammenhänge erkennen oder erkennen daß es gar keine Zusammenhänge gab. Nur vermeintliche Beziehungen. Täuschungen, wie Spiegelungen, nichts anderes als der Wechsel von Temperatur, Licht, Jahreszeiten." (136)

Die letzte Geschichte Raymond bringt uns Alice am nächsten. Nach seinem Tod räumt sie ebenfalls auf - seine Sachen aus der gemeinsamen Wohnung. Wenn sie bei einzelnen Kleidungsstücken verharrt, den Geruch einatmet - nicht ohne ironisch anzumerken, es sei "eine Geste aus dem Kino, aus Büchern" (160) und ungefragt Erinnerungen hochsteigen, liest man heraus, wie sehr sie diesen Mann geliebt haben muss. So sehr, dass sie eine Tüte mit einem abgebissenen Mandelhörnchen nicht wegwerfen kann.

"Da schien es auch Reihenfolgen zu geben, Zeit, die vergehen mußte. Erst finden, dann verstehen, dann wegwerfen. Abstand gewinnen." (164)

Am Ende stellt sich Alice erneut die Frage: Was bleibt übrig? Erinnerungen? Menschen, mit denen wir sie teilen?

Mich hat dieser Erzählband sehr berührt, da er leise und scheinbar ohne große Gefühle zu beschreiben, Begegnungen mit dem Tod schildert und kleine Ausschnitte aus dem Leben einer empathischen, hilfsbereiten, liebenswerten Frau offenbart.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Buchdaten
Geschenkausgabe, 2012
Fischer Taschenbuch, 190 Seiten

Montag, 23. April 2018

Katrine Engberg: Krokodilwächter

- ein dänischer Psychothriller.

Als "Querleserin" gehören Kriminalromane zu einem meiner bevorzugten Genres - ich lese sie tatsächlich zur Entspannung. Aufgrund ihrer dramaturgischen Spannung kann ich wunderbar abtauchen und in die Abgründe der menschlichen Spezies eintauchen. Zu meine Favoriten gehören eindeutig die skandinavischen Krimis. Von Katrine Engberg habe ich bisher noch keinen Thriller gelesen, das puristische Cover, das mit den "Schnitten" schon einen Vorgeschmack auf den Fall gibt, haben mich so neugierig wie der Titel gemacht. Was ist ein Krokodilwächter?

"Ein kleiner Vogel, der von den Essensresten im Maul eines Krokodils lebt. Der Vogel erhält Nahrung, und dem Krokodil werden die Zähne gesäubert. Deshalb frisst es den Vogel nicht, und alle sind glücklich."(437)

Worum geht es?
Am 8.August, einem Mittwoch, findet Gregers, ein älterer Herr, die Leiche der jungen Julie Stender, die im selben Haus im Herzen Kopenhagens wohnt  - gemeinsam mit ihrer Freundin Caroline. Da die Wohnungstür offen steht, will Gregers nachsehen, ob bei den beiden jungen Frauen alles in Ordnung ist, und fällt auf einen Stapel Schuhe in den Flur hinein.

"In dem Schuh, der halb unter seiner alten, schmerzenden Hüfte lag, steckte ein Bein, das in einem verrenkten Körper endete. Es sah aus wie das Bein einer Schaufensterpuppe, aber Gregers spürte weiche Haut an seiner Hand. Er zuckte zusammen und zog die Hand hervor. Da war Blut. Nicht nur auf der Hand, sondern auch auf dem Boden, an den Wänden. Überall Blut." (S.12)

Die beiden Ermittler Jeppe Körner und Anette Werner nehmen sich dem Fall an. Seit Jahren arbeiten sie gern zusammen.

"Offenbar waren sie gemeinsam ein starkes Team, obwohl sie das beide gar nicht so wahrnahmen. (...) Er hielt sie für einen Bulldozer, und sie bezeichnete ihn als verzärtelt und old fashioned." (S.22)

Gemeinsam vernehmen zunächst die Besitzerin des Hauses, die im obersten Stockwerk wohnt: Esther de Laurenti, pensionierte Universitätsprofessorin im Bereich Literaturwissenschaft.

Seit sie im Ruhestand ist, verbringt sie ihre Freizeit mit Singen und Schreiben - und mit dem übermäßigen Konsum von Rotwein, wie ihr Untermieter Gregers ihr unverblümt mitteilt, als sie ihn im Krankenhaus besucht.
Seit vier Jahren hat sie einen Gesangslehrer, Kristoffer, mit dem sie inzwischen eine enge Freundschaft verbindet, er hilft ihr mit den Hunden, beim Haushalt und kümmert sich um sie. Er hat eine Karriere als Sänger aufgegeben, arbeitet stattdessen als Garderobier im Königlichen Theater. Bei der ersten Vernehmung entpuppt er sich als seltsam verschlossen, gibt aber zu, eine Beziehung mit Julie gehabt zu haben.

Julies Vater Christian Stender erleidet einen Zusammenbruch, als er vom Mord an seiner Tochter entfernt, trotzdem erregt er Jeppes Verdacht - irgendetwas an seinem Verhalten verhindert, dass Jeppe Empathie mit ihm empfindet.

Das Mordfall sorgt innerhalb der Polizei und in den Medien für Aufruhr, da der Täter in Julies Gesicht mit einem scharfen Messer ein Muster geschnitten hat.

"Es sieht aus, als hätte der Täter für uns eine kleine rätselhafte Nachricht ins Gesicht geritzt." (S.32)

Viel seltsamer ist die Tatsache, dass der Mord einem Manuskript zu folgen scheint, das Esther geschrieben hat und das auch im Roman zwischen den einzelnen Kapiteln zu lesen ist.
Veröffentlicht hat sie es in einer Schreibgruppe, die nur noch aus zwei weiteren Personen besteht, die scheinbar nichts mit dem Mord zu tun haben können? Wer hätte einen Zugriff auf das Manuskript haben können, in dem eine junge Frau einen Mann auf der Straße kennen lernt und den sie mit nach Hause nimmt.

Genau davon hatte Julie Esther erzählt und sie damit "zum ersten Teil des Krimis angeregt [...]. Und dann hat er sich vom zweiten Teil des Manuskripts zum Mord inspirieren lassen. Realität - Buch, Buch - Realität. Verwirrend." (S. 188)

Verwirrend bleibt der Krimi, denn es tauchen Details aus Julie Vergangenheit auf, die ein neues Licht auf den Fall werfen und lange kann man die Verbindung zwischen den einzelnen Fäden nicht sehen.

"Er konnte noch immer nicht das gesamte Bild überblicken, aber das war das Puzzleteilchen, das alles in Übereinstimmung brachte." (S. 474)

Bewertung
Ein spannender und intelligenter Thriller, der ab der Mitte einen solchen Sog entwickelt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Die Handlung ist komplex, viele Fäden scheinen zunächst ein verwirrendes Knäuel zu bilden, bis sich am Ende alles zu einem roten Faden spinnt, der uns in einen unglaublichen, menschlichen Abgrund blicken lässt.

Wie so oft in den skandinavischen Krimis spielen die Motive und die Psychologie des Täters eine große Rolle und stehen ebenso wie die Ermittler selbst im Mittelpunkt. Die einzelnen Figuren sind ausgearbeitet - keine bleibt oberflächlich. Dadurch, dass die Ermittlungsarbeit aus der personalen Perspektive Jeppes geschildert wird, erfahren wir von seinem Privatleben am meisten. Erscheint er zu Beginn als frustrierter, deprimierter Polizist, der unter seiner Scheidung leidet, überwindet er im Verlauf der Handlung teilweise seine Krise. Von Anette erfahren wir weniger, dass sie glücklich verheiratet ist, keine Kinder hat und sehr ungeduldig ist. Da auf der Buchrückseite verheißungsvoll angekündigt wird, dass dies der erste Fall "einer neuen Kopenhagen-Thriller-Serie" ist, dürfen wir auf weitere Details und spannende Fälle hoffen.

Im Krimi reflektiert Esther über das Schreiben eines Krimis:

"Einen Krim zu schreiben ist ungefähr ähnlich schwierig wie der Versuch, einen Zopf aus Spinnweben zu flechten: tausend Fäden kleben an den Fingern und reißen, wenn man sich nicht konzentriert." (S.333)

Die Fäden dieses Romans sind nicht gerissen - beste Krimi-Unterhaltung. Mehr davon!

Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar. Hier geht es zur Verlagsseite, auf der Engberg in einem Video von ihrem Ermittlerduo erzählt.


Buchdaten
Gebundene Ausgabe, 512 Seiten
Diogenes, 28.März 2018