Samstag, 22. Juli 2017

Claire Fuller: Eine englische Ehe

- ein Liebesroman (?)

Hörbuch von Audible
gelesen von Heikko Deutschmann, Leslie Malton
9 Stunden 56 Minuten

Inhalt
Gil Coleman, ein bekannter Schriftsteller, steht in einer Buchhandlung und während er im Roman "Wer verändert war und wer gestorben war" blättert und dort einen Brief vom 2.Juli 1992 findet, der an ihn selbst gerichtet ist, sieht er draußen seine Frau Ingrid vorüber gehen. Ingrid, die vor 12 Jahren (1992) spurlos verschwunden ist. Ihre Sachen wurden am Nudistenstrand gefunden, unweit vom Haus, dem Swimming Pavilion, in dem sie mit ihren beiden Kindern, Flora (9) und Nan (15) gewohnt hat. Ingrid liebte es zu schwimmen und war eine hervorragende Schwimmerin.

Während er ihr folgt, lehnt er sich über die Balustrade zur Strandpromenade des kleinen englischen Dorfes und fällt. Aufgrund seiner Verletzung informiert Nan Flora, die inzwischen Kunst studiert und gerade einige Nächte mit Richard verbracht hat.

Kurz entschlossen leiht er ihr sein Auto und sie fährt zum Swimming Pavilion. Von ihrer Schwester Nan erfährt sie, dass ihr Vater sterbenskrank ist und die alten Fragen nach dem Verbleib ihrer Mutter tauchen wieder auf. Das Haus ist zudem in einem chaotischen Zustand. Überall sind Bücher zu Stapeln aufgetürmt. Folge der Leidenschaft Gils, der Bücher sammelt, in die die Leser*innen hineingeschrieben, gemalt oder beschriftete Notizzettel hinterlassen haben.

Schon in der Zeit als Literaturprofessor ist es seine feste Überzeugung, dass Belletristik Leser*innen braucht, findet ein Roman keine, ist er sinnlos. Es ist die eine Seite, was der Autor oder die Autorin mit dem Werk "aussagen" wollte, die andere, wichtigere, was macht der Roman mit den Leser*innen, was löst er aus, welche Gedanken und Gefühle haben sie beim Lesen?

Die Rückkehr in ihr Zuhause und die Tatsache, dass ihr Vater ihre Mutter gesehen hat, wirft bei Flora Fragen an die Vergangenheit auf. Und die Antworten sind so nah - in Briefen, die Ingrid im Sommer 1992 an Gil geschrieben hat. In der Zeit, in der er sie verlassen hatte, um in London zu sein.
Die Briefe sind in seinen Büchern versteckt, die Titel passen jeweils zum Inhalt des Briefes. Wer die Romane oder Sachbücher alle kennt, könnte sicherlich weitere Bezüge entdecken.

Die Briefe, die parallel zur Handlung der Gegenwart eingeschoben werden, decken Ingrids gemeinsame Vergangenheit mit Gil bis zu dem Zeitpunkt ihres Verschwindens auf und erklären, warum sie sich für diesen radikalen Schritt - ihre Kinder zu verlassen, entschieden hat.

Kennen gelernt hat Ingrid Gil Coleman als ihren Literaturprofessor. Die beiden verliebten sich und Gil hat offensiv um die junge, hübsche Frau, die gebürtig aus Norwegen stammt, geworben. Er nimmt sie mit in sein Haus, den Swimming Pavilion, den er von seinen Eltern geerbt hat und zu dem ein Schreibzimmer außerhalb des Hauses gehört - Rückzugsort für den Schriftsteller.

Sowohl Gils Freund Jonathan als auch Ingrids Freundin Louise warnen sie vor der Beziehung. Jonathan deutet an, dass Gil nicht treu sein wird, Louise erinnert sie an ihre Träume, die nicht darin bestehen, Ehefrau und Mutter zu werden. Doch dann wird Ingrid schwanger, Gil muss die Universität verlassen, Ingrid darf ihr Studium nicht zu Ende machen - es ist das Jahr 1976.

Die beiden heiraten und alles scheint gut zu sein, sie sind glücklich in ihrem Haus am Meer, auch wenn sie kein Geld haben. Partys werden gefeiert, bis das Baby - Nan - auf die Welt kommt und Ingrid merkt, dass ihr eine tiefe Bindung zu dem Kind fehlt. Ihr Lebenstraum scheint sich in Luft aufzulösen.

Während sich in der Gegenwart die Beziehung zwischen Flora und Richard, der in das Küstendorf gekommen ist, festigt, und Gil Richard bittet, nach seinem Tod alle Bücher zu verbrennen, reflektieren die Schwestern die Vergangenheit ihrer Eltern. Nan schenkt Flora endlich reinen Wein ein: Gil war ein Frauenheld. Doch das ist nicht der einzige Verrat an Ingrid.

Die Briefe zeigen schonungslos Gils rücksichtsloses Verhalten, aber  auch seine Liebe zu Ingrid, die ihm nichts entgegensetzen kann. Weder kann sie ihn verlassen noch sich mit ihrer Rolle  als Ehefrau und Mutter abzufinden.
Am Ende schließt sich der Kreis zum Beginn des Romans und lässt die Leser*innen mit einigen Fragen zurück.

Bewertung
Der Roman hat mich an "Eine treue Frau" von Jane Gardam erinnert. Die Unfähigkeit ein neues Leben beginnen zu können, an der Ehe festzuhalten, obwohl Gefühle dagegen sprechen.
Nach den letzten Sätzen des Romans habe ich den Anfang wieder gehört und festgestellt, wie gut er komponiert er ist. Die Symbolik der flatternden Plastiktüte, der Roman, in dem der letzte Brief Ingrids zu finden ist  - durchdacht.
Auch der Wechsel zwischen der Handlung der Gegenwart und den Briefen hat mir gut gefallen. Oft wird in der Gegenwart ein Thema angesprochen, wie der "blaue Babyschuh", dessen Bedeutung dann in einem Brief Ingrids erklärt wird. Auch dass die Briefe alle in anderen Büchern versteckt waren und die Titel jeweils zum Inhalt des Briefes gepasst haben, hat mich fasziniert.
Neben dem Aufbau und den intertextuellen Bezügen trägt vor allem die Frage, warum Ingrid verschwunden ist, durch die Handlung. Ihre Briefe - einfühlsam gelesen von Leslie Malton, sind so authentisch, so gefühlvoll formuliert, dass sie Verständnis für Ingrid hervorrufen und man als Leser*in mit ihr leidet und liebt. Sie ist eindeutig, neben Flora und Nan, die Sympathiefigur im Roman. Doch auch Gil erscheint nicht als reine Antipathiefigur - mit seinem Charme und seiner Liebe zu Ingrid, empfindet man trotz seiner Untreue und seines Verrates an Ingrid am Ende Mitleid mit ihm. Hat er aus seinen Fehlern gelernt? Zumindest war er nach Ingrids Verschwinden für die Mädchen da, ob er ein guter Vater war?
Das Ende wirft einige Fragen auf, hier wäre Platz für Notizen im Buch. 😉

Ein lesenswerter Roman, der mit den Reflexionen zu Lebensträumen und -wegen, zur Ehe und Freundschaft bei mir als Leserin Fragen zum eigenen Leben ausgelöst hat.
Laut Gil Coleman also ein guter Roman 😉.



Donnerstag, 20. Juli 2017

Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

- ein einfühlsame Geschichte über eine Sterbende und ihren Begleiter.

Gebundene Ausgabe, 288 Seiten
Kiepenheuer & Witsch, 16.Februar 2017

Inhalt

Im Zentrum der Geschichte stehen drei Personen, aus deren Perspektive in der Er/Sie-Form die Handlung abwechselnd erzählt wird.

Karla Jenner-García ist eine Frau über 60 Jahre und unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. Die Chemotherapie hat sie abgebrochen, ihr bleiben noch etwa 5-6 Monate zu leben. Sie ist schmal, blass und geht immer barfuß.

Jahrelang hat sie in Ibizia und Formentera gelebt, zuletzt Immobilien mit ihrem spanischen Mann verkauft, so dass sie keine finanziellen Nöte hat.
Da sie keine Familie und den Kontakt mit ihrer Schwester vor 40 (!) Jahren abgebrochen hat und nicht in ein Hopiz will, hat sie sich für eine Sterbebegleitung zuhause entschieden.

Fred Wiener übernimmt diese Aufgabe, ein ca. 40 Jahre alter Mann, geschieden, übergewichtig und überpünktlich. Es ist seine erste Sterbebegleitung - sein Versuch einen Sinn im Leben zu finden?

"Es gehörte zu seinen Gewohnheiten, Anfahrtszeiten so großzügig zu kalkulieren, dass ihm bei der Ankunft noch genügend Zeit zur Orientierung bleib. Das gab ihm Sicherheit." (S.7)

Ihr erstes Zusammentreffen, in dem Fred sich angestrengt bemüht, eine Unterhaltung zu bestreiten, verläuft schwierig.

"Tun sie mir den Gefallen und hören Sie bitte mit dieser Scheißkonversation auf." Sie sagte es nicht unfreundlich, aber bestimmt." (S.14)

Karla bleibt unzugänglich, lässt sich aber zunächst auf die Begleitung ein.

Phil Wiener ist Freds Sohn und ein Einzelgänger, ein 13-jähriger, der Gedichte liest und verfasst.
Er hat sich bereits als Achtjähriger ein ein "Wörterkrankenhaus" ausgedacht, es

"bestand aus einer dreibändigen handschriftlichen Sammlung von Wörtern, die Phils Meinung nach vorübergehend längerfristig oder, wenn sie unheilbar erkrankt waren, auch endgültig aus dem Verkehr gezogen werden mussten." (S.26)

Er lebt nach der Scheidung seiner Eltern bei seinem Vater, seine esoterisch veranlagte Mutter schickt ihm Wachstumselixier und versucht, ihn mit positiver Energie per Telefon zu versorgen. Phil hasst es und bringt in seinen Gedichten seine Gefühle deutlich zum Ausdruck.

Karla war in den 80/90er Jahren ein Groupie der Band "The Grateful Dead" und hat unzählige hochwertige Fotographien aus dieser Zeit, die Phil digitalisieren soll. So lernen sich beide kennen und behutsam baut sich eine Freundschaft zwischen den beiden auf, da Karla Phil so sieht, wie er wahrgenommen werden möchte und er ihren Wunsch nach Ruhe akzeptiert.
Gleichzeitig verändert sich auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn.

Auch Karla schreibt Gedichte, Wortlisten, die mehr über sie verraten, als die Gespräche, die sie führt.

"otto verschont

gudrun vertraut

meiner kunst nicht vertraut

zweimal abgetrieben

mit dem fotografieren aufgehört

joaquín verlassen

chemo besseres wissen

weitere idiotische fehlentscheidungen
vielleicht sterbebegleiter engagiert

kinderarbeitgeberin geworden" (S.79)


Zwei Kapitel sind aus der Perspektive von Karlas Schwester Gudrun verfasst, die Leser*innen ahnen, welche Familientragödie sich abgespielt hat - Mutter weggelaufen, Vater Alkoholiker, Schwester frisst sich einen Schutzwall an, Karla muss für den Vater tanzen...der Rest bleibt offen und der Fantasie der Lese*innen überlassen.

Im Haus, in dem sich Karlas Wohnung befindet, wohnt auch Leo Klaffki, allein stehender, älterer Herr und bekennender Werder-Fan und Hundebesitzer, der sich ebenso um sie sorgt und an Freds Seite steht. Genauso wie die junge Reno, in die sich Phil verliebt. Sie lassen sich nicht von Karlas spröder und zugänglicher Art abschrecken.
Fred startet einen Versuch, die Schwestern an Weihnachten zu versöhnen. Ob das gelingen kann? Ob Karla diesen Übergriff verzeiht?

Bewertung
Susann Pásztor hat selbst eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin abgeschlossen und ist ehrenamtlich tätig (Quelle: Klappentext). Diese Erfahrung wird im Roman erlebbar.
Das Ende Karlas ist absehbar und der Sterbeprozess wird sensibel und sehr berührend geschildert, Szenen, die wirklich ans Herz gehen, ohne kitschig zu sein.
Ein trauriger, aber auch sehr schöner Roman, der ohne erhobenen Zeigefinger deutlich macht, dass das Sterben zum Leben gehört und jeder Mensch die Möglichkeit haben sollte, selbst zu entscheiden, wann und wie er gehen möchte.
"Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster", damit die Seele den Körper verlassen kann.

Neben der Thematik Sterben (begleiten) steht die Beziehung zwischen Phil und seinem Vater im Fokus. Die Arbeit für Karla eröffnet dem Jungen die Möglichkeit, seinen eigenen Weg zu finden, festigt sein Selbstvertrauen und der Vater erkennt das Potential seines Sohnes. Doch auch Fred geht nicht unverändert aus dieser Begleitung hervor, die Erfahrungen erweitern auch seinen Horizont.

Ein lesenswerter Roman, der lange nachhallt.

Mittwoch, 19. Juli 2017

Tana French: Gefrorener Schrei

- ein packender Psychokrimi.

Taschenbuch, 656 Seiten
Fischer Scherz, 29. Dezember 2016

Gefrorener Schrei ist der 6. Kriminalroman Tana Frenchs, der in Irland spielt. Während in den ersten vier Romanen die Ermittler*innen wechseln und immer eine Figur aus den vorherigen Band wieder eine Rolle spielt, durchbricht sie im vorliegenden Roman dieses Muster.

Die ermittelnden Detectives sind die gleichen wie in "Geheimer Ort", nämlich Antoinette Conway und Stephen Moran, mit dem Unterschied, dass die Handlung dieses Mal ausschließlich aus der Ich-Perpektive Conways erzählt wird.


Inhalt
Antoinette Conway ist die einzige Frau im Morddezernat in Dublin. Seit sie gemeinsam mit Stephen Moran den Fall im Mädcheninternat gelöst hat (Geheimer Ort), sind die beiden ein Team. Während Stephen ein Sonnenschein ist und dazu gehören will, ihr gegenüber aber loyal ist, wird sie ausgegrenzt und jemand oder mehrere behindern ganz offensichtlich ihre Arbeit - Dokumente verschwinden, Mitteilungen werden nicht weitergeleitet, in ihr Spind wurde uriniert.

"Im Grunde aber ging es nicht darum, dass ich eine Frau bin. Das war bloß ihr Ansatzpunkt, bloß der Umstand, von dem sie glaubten, er würde, müsste es ihnen leichtmachen, mich herumzuschubsen. Im Grunde war es einfach. Es ging um genau dasselbe wie in der Grundschule, als Irland noch schneeweiß, ich das einzige in bisschen dunklere Kind in der Klasse und mein allererster Spitzname Kackgesicht war." (S.56)

Trotzdem gibt sie nicht auf, obwohl sie mit dem Gedanken spielt, in ein privates Wachunternehmen zu wechseln, denn sie glaubt, alle seien gegen sie. Kann sie ihrem Partner wirklich vertrauen?

Im vorliegenden Mordfall geht es die junge Aislinn Murray, die tot in ihrer Wohnung gefunden wird, nachdem ein anonymer Anruf auf der Polizeiwache eingeht. Gefallen auf die Sockelplatte ihres Kamins - Schädelbruch. Der Tisch festlich gedeckt für ein Candlelight-Dinner. Die Sachlage scheint klar zu sein - eine Beziehungstat.
Warum stellt der Superintendent O´Kelly dem Team Conway und Moran dann den erfahrenen Detective Breslin zur Seite? Wenn der Fall doch so klar erscheint? Vor Ort und nach dem Gespräch mit der besten Freundin des Opfers, Lucy, tauchen weitere Fragezeichen auf. Lucy bringt einen geheimnisvollen Lover ins Spiel, nicht der Mann, der zum Essen eingeladen war - Rory Fallon, Besitzer einer Buchhandlung.
Er ist zunächst der einzige Verdächtige, wirkt jedoch kaum wie jemand, der im Affekt eine junge Frau niederschlägt. Trotzdem will Breslin ihn möglichst schnell dingfest machen - Conway und Moran hegen jedoch erhebliche Zweifel an der Schuld Fallons.

Sie erwägen eine andere Theorie - Aislinns geheimer Lover könnte ein Krimineller sein, der eine Verbindung zur Polizei, vielleicht zu Breslin selbst hat.
Auch Breslins Partner McCann verhält sich eigenartig. Zudem finden Conway und Moran heraus, dass er vor langer Zeit das Verschwinden von Aislinns Vater untersucht hat - ein Umstand, der für den Fall noch wichtig werden wird.

Der aber auch die Wahrnehmung Conways beeinflusst, deren Vater selbst unbekannt ist und nie versucht hat, einen Kontakt zu ihr herzustellen. Immer verzwickter erscheint dieser Fall und hält einige unerwartete Wendungen bereit.

Bewertung
Der Fall ist spannend - keine Frage. Doch die Besonderheit dieses Krimis ist die Ich-Perspektive von Detective Conway - mit ihren messerscharfen Schlussfolgerungen einerseits, aber auch mit ihrer Unsicherheit, ihren Ängsten andererseits. Ihr Denken wird davon bestimmt, dass ihr im Dezernat jeder Böses will, sogar ihren Partner verdächtigt sie illoyal zu sein. Ständig fühlt sie sich beobachtet, ausgegrenzt. Auf wen kann sie sich verlassen?
Sie will mit aller Macht die starke, unangreifbare Frau sein, die niemanden an sich heran lässt  und genau das scheint ihre größte Schwäche zu sein.
Der schmale Grat zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiver Wahrheit, die permanente Verschiebung dieser Linie machen den besonderen Reiz dieses Krimis aus.

Bei Tana French ist psychologisch anspruchsvolle und unterhaltsame Kriminalliteratur garantiert!


Dienstag, 4. Juli 2017

Lena Andersson: Unvollkommene Verbindlichkeiten

- eine obsessive Liebesbeziehung.

Gebundene Ausgabe, 380 Seiten
Luchterhand, 10.April 2017

Ich danke dem Bloggerportal für dieses Leseexemplar.

Widerrechtliche Inbesitznahme heißt der erste Roman, der sich um die Protagonistin Ester Nilsson und ihre unerwiderte Liebe zu einem Mann dreht. Mich hat er begeistert, auch wegen der außergewöhnlichen Sprache und den philosophischen Reflexionen über die Liebe und die zwischenmenschlichen Beziehungen.
Aus diesem Grund war ich besonders neugierig auf "Unvollkommene Verbindlichkeiten" und wollte wissen, wie Ester Nilssons nächste Beziehung fünf Jahre später aussehen wird.

Inhalt
Sie verliebt sich in einen älteren, verheirateten Mann, Olof Sten, einen Schauspieler, der in ihrem Stück "Dreisamkeit" eine Hauptrolle innehat. Dieses Mal will sie von Anfang an Klarheit schaffen und konfrontiert ihn mit ihrer Liebe:

"Ich will mein Leben mit dir teilen." (S.18)

Es sagt nicht Nein, doch im Laufe ihrer Beziehung, die sich schließlich über mehr als drei Jahre erstreckt, macht er mehrmals deutlich, dass er seine Frau nicht verlassen will, während Ester immer wieder hofft, dass er es sich anders überlegen wird, obwohl ihre anfänglichen Betrachtungen auf das Gegenteil hinweisen:

"Olof und Ester waren wie zwei Zahnräder. Zahnräder verwachsen nicht miteinander. Sie treiben einander lediglich an. So kam es Ester jedenfalls vor. Allein ist ein Zahnrad einfach ein gezackter, stillstehender Gegenstand ohne Sinn und Zweck, was an sich nicht weiter schlimm ist. Aber um Bewegung zu erzeugen und das dem Zahnrad innewohnende Potential auszuschöpfen, braucht man zwei. Leider funktioniert es auch zu dritt, rein mechanisch geht das sogar ganz hervorragend." (S.13) 

Olof ist nicht in der Lage, sich zu entscheiden, immer wieder gibt er Ester zu verstehen, dass er seine Frau nicht verlassen will, macht mit ihr Schluss, um sich dann doch wieder zu melden und erneut eine Beziehung zu beginnen - und das sogar im Jahreszeitenrhythmus.

Und Ester? Nimmt alles hin, verzeiht, liebt und lässt sich wie ein Hund behandeln. Deutet seine Äußerungen und glaubt immer wieder, es gäbe eine Entwicklung und seine Ehe stünde kurz vor dem Aus. Dennoch durchschaut sie sein Handeln, ohne ihres zu verändern:

"In dir gibt es ein Konto mit automatischen Überweisungen. Du kennst deinen Saldo bis auf die Öre genau, und davon ausgehend entscheidest du, wie du dich mir gegenüber verhalten sollst. Jedenfalls musst du einzahlen oder abheben. Oder du kannst es auch lassen, falls du rücksichtsvoll sein musst oder spöttisch, kalt und gleichgültig sein willst. Alle Menschen haben so ein Konto, alle Menschen passen auf, wo die Grenzen dafür verlaufen, wann man sich anstrengen muss und wann man sich zurücklehnen kann, wann man abheben kann und wann man einzahlen muss." (S.221)

Olof ist berechnend, er kommt Ester entgegen, wenn sie Kälte zeigt, unterwirft sie sich ihm, behandelt er sie wie der letzte Dreck.

Das ist sehr ermüdend zu lesen, trotz der interessanten philosophischen Betrachtungen. In der Mitte des Romans hatte ich den Impuls, einfach aufzuhören, doch ich war neugierig, ob der ewige Kreislauf durchbrochen wird. Irgendwann ist es dann auch soweit und Ester wagt einen radikalen Schritt.

"Und zum ersten Mal verlor sie den Respekt vor ihm. Diese ausgleichende Unterwürfigkeit, die er hier vorführte, da er sich dazu gezwungen fühlte, gehörte zu den bedrückendsten Dingen, die sie je erlebt hatte. Die aggressiven Schmeicheleien ekelten sie ebenso an wie seine feindselige Abweisung, aber ganz besonders widerlich fand sie sein pathologisches Pendeln zwischen beiden Extremen. (S.330)

Bewertung
Der intellektuelle Roman bietet tiefe Einsichten in die Natur der unerfüllten und unentschiedenen Liebe. Am Beispiel von Olof und Ester erkennt man den, der an der bewährten Beziehung festhalten will und trotzdem die Affäre mit der Geliebten genießt, und diejenige, die an der Hoffnung, aus ihrer Geliebtenrolle in die der Gattin zu wechseln, zugrunde geht.

Esters Verhalten, immer zu verzeihen, alles für den Geliebten zu tun, sich wirklich wie ein Hund behandeln zu lassen, ist über diese Länge fast nicht zu ertragen. Mehrmals dachte ich, ich kann das nicht weiterlesen, wollte dann aber doch wissen, ob ihre eine Befreiung gelingt. Ihre Unfähigkeit, die Unmenschlichkeit Olofs als solche anzuerkennen, die permanente Deutung seine Äußerung sind meines Erachtens "too much".
Wäre der Roman 150 Seiten kürzer, die "Affäre" dichter geschildert, hätte das der Handlung gut getan. Der Schluss entschädigt etwas für die Länge im Mittelteil.

Empfehlenswert? Wem die Darstellung einer aufopferungsvollen Liebe, eines sich wiederholendes Beziehungsmusters und philosophischen Betrachtungen darüber gefällt, wird vom Roman begeistert sein. Mich hat er nicht überzeugt, obwohl die Reflexionen über solche eine Beziehung interessant sind, behindern sie den Handlungsfluss und führen zu einer völligen Distanzierung - und das bei einer Liebesgeschichte ;)



Sonntag, 2. Juli 2017

Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage

- angekommen im Wunsch-Leben?


Quelle: Suhrkamp Verlag

Taschenbuch, 306 Seiten
Suhrkamp, 10.4.2017


Vielen Dank dem Suhrkamp Verlag, der mir dieses Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Hier geht es zur Buchseite des Verlags.



Inhalt

Der Roman spielt im Herbst in Stuttgart, in der Constantinstraße - einer Straße, in der die Wohlsituierten leben. Darunter Julia und Leonie und die alte Frau Posselt - Luise.

Julia lebt mit ihren beiden Kindern Kilian, 2 Jahre, Uli, 5 Jahre, und ihrem Mann Klaus, einem Universitätsprofessor, in einer schönen Wohnung, das Gärtle im Hinterhof hat sie sich vom älteren Ehepaar Posselt erorbert. Ein Idylle?

"Hackstraßenmist ist Klaus´Codewort für verschiedene schlechte Gewohnheiten, die Judith aus ihren Jahren in der dunklen Einzimmerwohnung im Stuttgarter Osten mitgebracht hat." (S.10)

Dazu gehört das Rauchen und auch ihre Abhängigkeit von Tavor, einem Medikament, das Ängste unterdrückt und gleichgültig macht.
Julia hat Kunstgeschichte studiert. Sie ist eine eifrige Studentin, die nächtelang lernt, aber unter Panikattacken leidet. Während ihrer Abschlussarbeit über Otto Dix steigern sich diese derart, dass ihr ein Arzt die blauen Pillen verschreibt.

"Das Medikament tauchte Canetti-Baumeister [ihren Professor], Dix´ Bilder und Judiths Zukunftsaussichten im Stuttgarter Kunstbetrieb in einen wabernden Nebel, vertrieb die Angst für eine Weile und half auch, die tägliche zermürbende Warterei auf Sörens Anrufe und sein sonstiges Verhalten zu ertragen." (S. 16)

Sören ist Medizinstudent, der in Tübingen lebt, sie zitiert, wenn er Lust hat, und nebenbei mindestens noch eine weitere Beziehung laufen hat. Trotzdem ist Judith ihm verfallen.
Klaus wohnt in dieser schwierigen Phase unter eine Etage unter ihr, "macht ihr den Hof", doch sie weist ihn ab. Dann zieht er in die Constantinstraße und hinterlässt ihr seine Telefonnummer. Als Judith am Boden ist, flieht sie zu Klaus, aufgelesen von Frau Posselt gelingt ihr der "Einbruch" in seine Wohnung und sein Leben.

Inzwischen hat sie sich eingenistet, geht scheinbar in der Rolle der fürsorglichen Mutter auf, hat sich der Waldorfpädagogik verschrieben - sie

"empfand eine befreiende Freude über die Strenge der dort vorgegebenen Richtlinien. Ihre Entscheidung für die Waldorf-Welt glich einer plötzlichen Erleuchtung, dem Übertritt in einen geistigen Orden." (S.18)

In dieser begrenzten Welt, die sie nicht hinterfragt, fühlt sie sich sicher, ist überzeugt davon, dass ihr die Erziehung gelingen kann.

"Es schien einfach und bestechend: Ihre Kinder würden nicht krank werden, sie konnten zu geradlinigen, phantasievollen und glücklichen Menschen heranwachsen, frei von Süchten, Zweifeln, unvertraut mit Hackstraßenmist." (S.19)

Ihre Familie dient Leonie, die im Nachbarhaus wohnt, als Vorbild:

"Wenn Leonie in das Fester auf der anderen Straßenseite schaut, hat sie das Gefühl, ein Bilderbuch aufzuschlagen, in dem alles so ist, wie es sein soll." (S.101)

Leonie, die aus einer wohlsituierten Familie stammt, hat Simon geheiratet, den Aufsteiger aus der Unterschicht. Doch er hat es geschafft, hat sich in seiner Firma hoch gearbeitet, die schöne
Wohnung in der Constantinstraße, ein Symbol auf dem Weg nach oben.
Die beiden haben ebenfalls zwei Kinder, Feli, 2 Jahre, und Lisa, 6 Jahre, die ganztags in einen katholischen Kindergarten gehen.
Leonie arbeitet bei der Bank und an ihr nagt das schlechte Gewissen, dass sie zu wenig für ihre Mädchen da ist, gleichzeitig jedoch ihre Arbeit liebt.

"Als größten Verrat empfindet sie das Gefühl der Erleichterung, wenn sie im Büro ankommt und hinter ihrem Schreibtisch Platz nimmt. [...] Sie genießt die Telefonate und Meetings, oft nur aus dem Grund, daß sie dort die Kinder ausblenden kann." (S.43)

Zerrissen zwischen schlechtem Gewissen, dem Anspruch eine gute Mutter zu sein und ihre Arbeit gewissenhaft zu bewältigen, ist auch Leonie nur scheinbar in einem besseren Leben angekommen.

"Sie hat keine Zeit, bleibt die Neue, die Eilige, die sich mit Nadelstreifenkostüm und Make-up vorkommt wie ein Raubtier, das eine Kolonie kuscheliger Pinguine umkreist." (S.69)

An einem warmen Herbsttag, um Halloween herum, treffen die beiden Frauen mit ihren Kindern im Gärtle aufeinander. Judith betrachtet die Eindringlinge skeptisch, da sie in ihre wohl geordnete Welt einbrechen.

"Gleichzeitig weiß sie, daß der ungewollte Besuch der Nachbarin Störungen bringen wird. Lisa und Felicia haben abwaschbare Glitzer-Tätowierungen auf den Handrücken, Kaugummis in den Backentaschen." (S.127)

Während beide Frauen in ihrem Leben gefangen sind, blickt die alte Luise auf ihres zurück, während ihr Mann neben ihr im Bett liegt. Alles in allem war es erfüllt, sie, die Schwäbin, die einen Sudetendeutschen, einen Vertriebenen geheiratet und den Krieg überstanden hat. Jetzt hat sie mit dem Alter zu kämpfen, mit den täglichen Gebrechen und der zunehmenden Immobilität, während der junge Marco versucht aus seiner Welt auszubrechen.

Marcos Mutter hat sich mit einem Mann eingelassen, den Marco "Pornostar" nennt und der ihn während ihrer ersten Begegnung verprügelt hat. Um seiner Gewalt zu entgehen und dem lieblosen Zuhause zu entkommen, plant er seine Flucht nach Estland. Dort lebt der vorherige Freund seiner Mutter, der gut zu Marco gewesen ist.
Das Geld, das in Nazims Laden versteckt ist, wie ihm sein Freund Murat verraten hat, soll im diese Flucht ermöglichen. Wird es ihm gelingen, seinem Leben zu entkommen?

Wird Judith ihrer von Tavor hervorgerufenen Gleichgültigkeit entkommen und Leonie ihrem Streit mit Simon, dass er nie für sie und die Kinder da ist, beilegen können?


Bewertung
Der Roman lebt am Anfang vom Kontrast der beiden Lebenswelten der Frauen, aus deren Perspektive abwechselnd erzählt wird.
Auf der einen Seite Judith, die ihren Kindern eine heile Welt ermöglichen will und immer für sie da ist, und Leonie, die berufstätige Mutter mit chronisch schlechtem Gewissen, die stolz mit ihrem Mann den sozialen Aufstieg geschafft hat.
Doch die Klischees bleiben nicht als solche bestehen, sondern werden von innen aufgeweicht. Aus der Perspektive der Frauen blicken wir hinter die "Kulissen". Das wird besonders an Hanna deutlich, einer Nebenfigur, die für ihr krankes Kind zu leben "scheint".

Im Klappentext steht, dass Anna Katharina Hahn von Frauen erzählt, "deren Lebensraum zum Käfig geworden ist."
Judith, deren Leben wie eine Idylle zwischen Kürbissuppe, Holzspielzeug und selbst gestrickten Mützen wirkt, ist in ihrer Gleichgültigkeit und ihrer Liebe zu Sören gefangen. Sie vermag es nicht, sich ihren Ängsten zu stellen.

Leonie, gefangen in ihrem schlechten Gewissen und dem Gefühl, das Leben gehe an ihr vorüber. Simon selbst, seinem sozialen Umfeld entkommen, vergleicht sich permanent mit den anderen, so fehlt ihm die Selbstverständlichkeit sich unter den Wohlsituierten zu bewegen.

Die alte Frau Posselt, Luise, ist in ihrem Körper gefangen und muss sich eingestehen, dass sie innerhalb der Vertriebenen nie wirklich dazugehört hat.

Und Marco, der einzige männliche Protagonist, ein Kind noch, setzt alles daran seinem Käfig zu entkommen, wenn es auch auf Kosten anderer geht.

Am Ende überschlagen sich die Ereignisse und die Frauen werden aus ihren vertrauten Bahnen geworfen, während Marco seinen Plan in die Tat umsetzen will. Die Autorin lässt offen, wie die Figuren mit den Rissen, die die Mauern ihrer scheinbar heilen Welt aufgebrochen haben, umgehen.

Ein Roman, der Fragen aufwirft und in klarer Sprache ungeschminkt die dunklen Seiten hinter der hellen Fassade aufdeckt - lesenswert.

Dienstag, 27. Juni 2017

Lars Vasa Johansson: Anton hat kein Glück

- ein Märchen für Erwachsene.

Gebundene Ausgabe, 416 Seiten
Rowohlt, 21. Oktober 2016

Vielen Dank an den Rowohlt-Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Diesen Roman haben Mira und ich auf der Frankfurter Buchmesse entdeckt. Beim Lesen des Klappentextes hat er uns beide gleichermaßen angesprochen, so dass wir uns entschieden, ihn gemeinsam zu lesen. Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht.


Inhalt

Anton ist ein Zauberer mit mäßigem Erfolg, der in Altersheimen, auf Festen und kleineren Veranstaltungen auftritt. Zu Beginn der Geschichte feiert er seinen 45. Geburtstag - allein auf einem Rastplatz, die einzigen Gratulanten, die ihn morgens angerufen haben, sind seine Eltern. Wie es scheint, macht ihm das nichts aus, doch im Verlauf der Handlung blickt man hinter die gleichgültige Fassade des Ich-Erzählers Anton.
Der Berufszauberer - stolz darauf, den Beruf auszuüben zu können, der ihm Spaß macht, erweist sich als egoistischer, nörgelnder und unsympathischer Zeitgenosse, den niemand vermissen würde. Einer, der von Neid erfüllt ist und von der Frage umgetrieben wird, warum er keinen Erfolg hat.

Neidisch ist er vor allem auf Sebastian. In Rückblicken erzählt er, dass die beiden als Jugendliche gemeinsam ein Zauberprogramm auf die Beine gestellt haben und aufgetreten sind. Zuerst wenig erfolgreich, bis sie tatsächlich Geld damit verdienen konnten.
Anton lernte nach einer Zaubervorstellung Charlotta kennen, verliebte sich und die beiden wurden ein Paar. Der Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch auch, dass Anton sehr wenig von sich preisgibt und seinen Mitmenschen wenig Empathie entgegenbringt. So hört er Charlotta kaum richtig zu, bietet Sebastian zwar ein Zuhause, dessen Vater Alkoholiker ist, ist jedoch eher daran interessiert, dass sie weiter zusammen auftreten können.
Um sich ganz der Zauberei hinzugeben, "opfert" er Charlotta, die statt dessen mit Sebastian zusammenkommt. Die Wege der beiden Jungen trennen sich und während Anton als mittelmäßiger Zauberer kaum noch Engagements ergattern kann, haben Sebastian und Charlotta Erfolg und werden reich.

In dieser kritischen Lebensphase verirrt sich Anton im Naturschutzgebiet Tiveden National Park, weil ein rotes Chesterfield Sofa mitten auf der Straße steht, so dass er einen Autounfall hat. Auf seinem Weg durch den Wald ignoriert er mehrere Warntafeln, überschreitet eine "Salzlinie" und trifft auf ein kleines Mädchen, das ihn bittet ihm sieben verschiedene Blumen zu pflücken. Da er es eilig hat und ein Telefon sucht, weigert er sich ihr zu helfen.
Ein fataler Fehler, denn sie ist eine Waldfee, die ihn mit einem Todesfluch belegt. Das erklären ihm Gunnar und Greta, zwei Nachfahren der Hexen, die in einem kleinen Häuschen im alten Wald leben und diesen vor Straßenläufern (Touristen) beschützen. Von nun an wird Anton immer Unglück haben, bis er sich das Leben nehmen will. Die darauffolgenden Tage sind tatsächlich von skurrilen Unglücksfälle geprägt, die jedoch sehr lustig zu lesen sind.
Dabei lernt Anton Jorma kennen, einen jungen Mann, der sich auf einer Liebesquest befindet und der im weiteren Verlauf noch eine Rolle spielen wird. In seiner Verzweiflung kehrt Anton zu den beiden Alten zurück und sie erklären ihm, dass er den Todesfluch lösen kann, indem er drei Aufgaben bewältigen muss, so wie sich das für ein Märchen gehört. Erst dann kann die Königin des Waldes mit der Fee vereinbaren, den Fluch aufzuheben. Widerwillig lässt sich der Zauberer Anton auf die "echte" magische Welt ein. Seine ständigen Begleiter sind ein Spray und Gunnars selbst gebackene Biskuitrolle, die vor bösen Geistern und Flüchen schützen sollen.
Wird er die Aufgaben lösen und geläutert von seiner Heldenreise zurückkehren?


Bewertung
Gestern Abend haben Mira und ich telefoniert und uns hat der Roman gut gefallen. Beide haben wir den Protagonisten zu Beginn als unsympathisch empfunden, denn den Bewohner*innen des Altenheims bringt er während seines Auftritts keinen Respekt entgegen, schikaniert die Pflegerin und beschwert sich auch im Hotel permanent. Er ist ein echter Nörgler, der im Selbstmitleid ertrinkt und neidisch auf den Erfolg seiner ehemals besten Freunde schielt.
Während der Aufgaben, die er zu bewältigen hat, wird er jedoch geläutert. Er durchläuft eine Quest, eine Heldenreise, die ihn letztlich zu einem besseren Menschen macht, da waren wir uns einig.
Indem er sich mit seinem Verhalten und seiner Lebenssituation auseinander setzen muss, erkennt er, wie er sich anderen gegenüber verhält. Die nörgelnde alte Hexe, der er helfen muss, spiegelt sein Verhalten ebenso wider wie der Tränentriefer, dem er am Ende begegnet und der sich selbst zutiefst bemitleidet. Jorma, der seiner Freundin nachtrauert und in der Vergangenheit verhaftet ist, erscheint in der Hinsicht als Alter Ego des Protagonisten, wobei Jorma sich seine Empathie und Mitmenschlichkeit bewahrt hat.
Die Moral der Geschichte kommt in der Szene mit dem Tränentriefer für meinen Geschmack etwas zu deutlich daher und das Ende ist überaus positiv, zu positiv, wie auch Mira fand. Allerdings handelt es sich um ein Märchen und da ist nun mal am Ende alles gut.

Der phantastischen Anteile - die "echte" Magie, gegen die sich Anton lange wehrt, die mythologischen Figuren, wie das Miststück und der Tränentriefer, sind besonders gelungen und kleiden die Moral in ein Augenzwinkern. Die vielen skurrilen Situationen sorgen für gute Unterhaltung und Lesegenuss.

Ein Warnung am Ende:
Der Roman macht eine unbändige Lust auf gefüllte Biskuitrolle, die so oft erwähnt wird, das man dem Wunsch, sie sofort essen zu wollen, irgendwann nicht mehr widerstehen kann ;)

Ein schöner Roman, der uns auf unterhaltsame und lustige Weise erzählt, wie wir dem Tränentriefer entkommen:

"Je mehr ich lächelte, desto leichter konnte ich mich seiner destruktiven Energie entziehen." (S.375)

Hier geht es zu Miras Rezension.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Paul Auster: Mann im Dunkel

- der eine düstere Parabel über den Krieg ersinnt.

Gebundene Ausgabe, 220 Seiten
Rowohlt, 1.April 2010


Inhalt
Der 72-jährige August Brill liegt nachts in seinem Bett und kann wieder einmal nicht schlafen. Er lebt nach einem Unfall im Haus seiner 47-jährigen Tochter Miriam, die vor fünf Jahren von ihrem Mann verlassen wurde. Auch deren Tochter Katya liegt wach. Sie studiert an der Filmakademie in New York, hat aber aufgrund eines traumatischen Ereignisses, das mit dem Tod ihres ehemaligen Freundes Titus Small zusammenhängt, ihr Studium unterbrochen. Ein Ereignis, das auch der alte Mann nicht vergessen kann.

"Ich denke oft an Titus´Tod, die entsetzliche Geschichte dieses Todes, die Bilder dieses Todes, seine verheerenden Folgen für meine Enkelin, aber dorthin will ich jetzt, kann ich jetzt nicht gehen, ich muss ihn so weit von mir fernhalten wie möglich." (S.10)

Statt dessen flüchtet sich August in eine selbst erdachte Geschichte, die einen Großteil des Romans ausmacht. Es ist eine Parabel über den Krieg.

Der junge Owen Brick, von Beruf Zauberer erwacht im Jahr 2007 in einem zylindrischen Erdloch, aus dem er nicht entkommen kann - keine Szene für Klaustrophobiker*innen. Er weiß nicht, wo er sich befindet und wie er in diese Situation geraten ist. Im Hintergrund hört er Kriegsgeräusche und plötzlich taucht ein Sergeant auf, befreit ihn und teilt ihm mit, dass sich die USA im Bürgerkrieg befänden. Statt dessen stehen die Twin Towers noch und im Irak herrscht kein Krieg.

"Bürgerkrieg, Brick. Weißt du denn gar nichts? Er geht schon ins vierte Jahr. Aber jetzt, wo du aufgetaucht bist, wird es bald vorbei sein. Du bist der Mann, der das Ende bringt." (S.17)

Seine Aufgabe besteht darin, den Mann zu töten, der sich diese Geschichte ausdenkt, die dann zur Wirklichkeit wird. Der Autor als Erfinder von Realitäten, von parallelen Welten, die neben der unseren existieren.
(Diese Theorie der parallelen Welten, formuliert von Giordano Bruno im 16. Jahrhundert, liegt auch der Fantasy-Reihe von Philip Pullman zugrunde.)

Ausgerechnet seine Jugendliebe, die einst unerreichbare Virginia Blaine, hat ihn in jene Welt geholt. Zurück in seiner eigenen soll er "August Brill" töten, damit der Krieg in der parallelen Welt beendet ist. Der Literaturkritiker Brill taucht in seiner eigenen Geschichte auf, er ist es, der getötet werden muss, damit der erdachter Krieg in der parallelen Welt beendet werden kann.
Eine Parabel darauf, dass Kriege von Menschen verursacht werden, in den Gedanken der Mächtigen entstehen? Auch in der parallelen Welt herrscht Krieg, sogar im Land selbst. Und der Autor der Geschichte sieht "schwarz" - es wird keine Hoffnung geben.

Parallel zu der erdachten Geschichte denkt der Schlaflose über die gemeinsamen Filmnachmittage mit seiner Enkelin nach, in die er sich flüchtet, weil er seit dem Tod seiner Frau Sonia nicht mehr in der Lage ist, an seiner Familiengeschichte weiterzuschreiben.

"Sich in einen Film zu flüchten ist etwas anderes, als sich in ein Buch zu flüchten. Bücher zwingen einen, ihnen etwas zurückzugeben, den Verstand und die Phantasie zu gebrauchen, wohingegen man einen Film im Zustand geistiger Passivität sehen und auch genießen kann." (S.25)

In den Filmen sind es die Frauen, die "die Welt auf ihren Schultern tragen." (S.33)
Im Gegensatz zu den Männern, die die Kriege verantworten und darin kämpfen?

Eine weitere nächtliche Beschäftigung, um die Gedanken an Sonia zu vertreiben, ist, Miriams Manuskript zu lesen, die sich mit der Autorin Rose Hawthorne beschäftigt. Einer mittelmäßigen Dichterin, die jedoch eine Zeile geschrieben hat, die August gefällt:

"Und die wunderliche Welt dreht sich weiter." (S.59)

- trotz der Kriege, der Grausamkeiten, die sich die Menschen einander antun. Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen.

"Das Thema diese Nacht ist der Krieg" (S.146)

So denkt August an seine letzte Europareise zurück, an die Geschichten über den Krieg, die ihm begegnet sind.

  • Eine Literaturlehrerin, die sich in Belgien im 2.Weltkrieg einer Widerstandsgruppe angeschlossen hat und im KZ exekutiert wurde.

Eine Szene, nach der ich den Roman aus der Hand legen musste und die aufsteigenden Bilder am liebsten verbannt hätte.

  • Die Rettung einer jüdischen Familie als positivem Gegenentwurf zur vorherigen Erinnerung.
  • Eine Geschichte über einen Doppelagenten aus dem Kalten Krieg.

"Kriegsgeschichten. Kaum verlässt man für einen Augenblick seine Deckung fallen sie über einen her, eine nach der anderen..." (S.146)

Bevor August sich wieder mit dem grausamen Tod Titus im Irak-Krieg beschäftigt, erzählt er seiner Enkelin Katya, die auch nicht schlafen kann, die Geschichte seiner Liebe zu Sonia, von ihrer ersten Verliebtheit, der Trennung - er hatte Sonia für eine andere verlassen - und ihrer zweite Beziehung, bis diese lange Nacht vorüber ist.


Bewertung
Paul Auster erzählt mehr als eine Geschichte in diesem Roman. Neben der Parabel auf den Krieg, die erdachte Geschichte seines Protagonisten, reflektiert der Ich-Erzähler über sein eigenes Leben. Im Fokus steht seine große Liebe Sonia, der Verlust ihrer Ehe und sein Werben um die Frau, mit der er alt werden will. Er verschweigt die Tücken des Ehelebens - das Auseinanderleben, der Wunsch, wieder Neues zu entdecken - und des Alterns dabei nicht.
Ein wohltuende Episode in dem ansonsten düsteren Roman, der viele grausame Bilder aufsteigen lässt und ein dunkles Bild unserer Gesellschaft zeichnet.

Die Kriegsszenerie, die Unausweichlichkeit des Krieges, der die Geschichte durchzieht und auch in der parallelen Welt herrscht (vielleicht einer von vielen), ist das, was nach dem Lesen bleibt und wach rüttelt. Jeden Tag bestimmen Kriegsbilder die Nachrichten, man nimmt sie oftmals gar nicht mehr wahr. Indem Auster jedoch einzelne Personen ins Rampenlicht stellt und ihr furchtbares Schicksal schonungslos erzählt, führt er uns die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges brutal vor Augen.

Bisher habe ich von Auster nur die schöne Hundegeschichte "Timbuktu" gelesen, doch dieser Roman hat mich davon überzeugt, noch weitere von ihm lesen zu wollen.